Angelegenheit ist in Ordnung", kam er zurück und nahm sein Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett unter den Arm.. ,, Dawaj, gehen wir!" Er hatte sich aber geirrt. Wir mußten doch erst Abschied nehmen. Um­armungen, Wünsche und Tränen. Inzwischen hatte man nach Grete Sonn­tag geschickt: ,, Wir werden uns nie wiedersehen. und ich muß hier allein bleiben!" Sie ging neben uns her, als der Soldat mich in den Strafblock zurückbrachte, schluchzend, verzweifelt, hoffnungslos

..

Als die Politischen am Abend einrückten, war zuerst große Freude über die neue Nachricht. Als aber Ponjatowska sagte: Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß Greta in ein Ausländerlager kommt, irgendwo in Zentralsibirien, dazu wird sie auch über den Sammelpunkt des Lagers transportiert", gab es eine ganze Reihe, die sich ihrer Meinung an­schlossen. Daraufhin begann man unter den Politischen des Strafblocks für mich als, Habenichts" zu sammeln. Ein Transport nach Zentral­sibirien, in ein anderes Lager, konnte viele Wochen dauern und war ver­bunden mit Hunger und großen Strapazen. Man beschenkte mich mit einem Sack voll Brot, einem Säckchen getrockneter Fische und sechzig Rubeln. Das war ein Vermögen, wenn man bedenkt, daß ein Häftling im Strafblock, monatlich bei stets erfülltem Pensum höchstens fünf bis sechs Rubel verdienen konnte.

-

Zum letzten Mal saßen wir auf den Brettern. Die Konzertsängerin aus Charkow mußte mir unbedingt noch die Karten legen. Und diese selbstgemachten Karten versprachen mir ganz großes Glück: ,, Nach vielen Leiden wirst du endlich in deine Heimat zurückkehren, in dein Vater­haus. Und du wirst noch viel Glück in deinem Leben haben." Während sie meine Hand in der ihren hielt und die Handfläche aufmerksam be­trachtete, balancierte eine dicke Kleiderlaus auf ihrem Halstuch entlang. Ich nahm sie ihr höflich ab und knackte sie sachverständig.

Dann lag ich zwischen Tamara und Alexandra und konnte nicht ein­schlafen vor Ungewißheit.

Am nächsten Tag erfuhr ich, daß außer mir noch ein usbekischer Offizier aus dem Strafblock zum Sammelpunkt transportiert würde. Ich sah ihn zum ersten Mal, und das gleiche Schicksal machte uns vertraut. Er war zu fünfzehn Jahren Lager verurteilt, von denen er erst zwei Jahre hinter sich hatte. Die Sonne schien strahlend auf den frisch gefallenen Schnee; wir standen da und fühlten uns schon nicht mehr zugehörig zu denen vom Strafblock in Burma. Einigemale an diesem letzten Tag ging Grete Sonntag am Stacheldraht vorbei und grüßte mit bekümmertem Gesicht zu mir herüber. Als sie stehen blieb, um noch einmal ,, Lebewohl!" zu rufen, erhoben die zottigen Hunde, die an jeder Seite des Stachel­drahts Wache hielten, ein mörderisches Gekläff, und sie lief schnell fort, damit der Posten in der Wachstube sie nicht bemerke.

9*

Am Abend wurden wir abgeholt. Mein Barackenraum gab mir das

131