zu besuchen. Stefanie Brun, die einen Posten im Büro der Hauptverwaltung hatte, brachte Machorka und einige Bonbons aus dem ersten Paket ihrer Tochter. Wir bekamen beide einen Schreck, als wir uns ansahen. Stefanies Gesicht war eingefallen, sie hatte Säcke unter den Augen und geschwollene Hände und Füße. Sie fuhr sich mit der Hand ums Kinn und wies mit einem Kopfschütteln auf mich: ,, Wohin sind die runden Backen gekommen?" meinte sie.
Auch meine ehemaligen Kollegen aus dem Büro der Reparaturwerkstatt hatten auf einmal alle in der Verwaltung zu tun. Gregorij Iljitsch humpelte am Stock einher. Sein gebrochenes Bein war schlecht verheilt. ,, Jetzt werde ich bald für den Invalidenabschnitt reif sein", rief er mir zu. Und Klement Nikifrewitsch, der mit ihm gekommen war, strahlte vor Freude über diese glückliche Wendung:„, Paß auf, du gehst noch früher nach Hause als wir alle!"
Grete Sonntag kam jeden Tag mit ihrer Gabe, und es gelang uns auch, ein wenig miteinander zu sprechen. Hinter dem Abort bei der Verwaltung standen wir flüsternd: ,, Glaubst du, daß wir jemals hier herauskommen? Jetzt, wo Stalin auch noch einen Freundschaftsvertrag mit Hitler gemacht hat? Da sind wir Kommunisten ihnen doch erst recht im Weg", argumentierte Grete Sonntag. ,, Ich träume immer von meiner Mutter. Die ist sicher gestorben." Und ihre traurigen Augen füllten sich mit Tränen.
Eines Tages rief man während der Arbeitszeit aus einem Nebenraum, in dem der Natschalnik saß, nach mir. ,, Tasso, was wollen die? Meinen die mich?" Tasso zappelte mit Armen und Beinen: ,, Los, das ist was Wichtiges, beeile dich doch!" Ich meldete mich: ,, Nr. 174 475, MG. B- N. Sozialgefährliches Element, 5 Jahre."- ,, Es ist ein Radiogramm aus Dolinki gekommen; Sie müssen in den Sammelpunkt des Lagers Karaganda transportiert werden", sagte der Natschalnik geschäftsmäßig. ,, Ja." Ich drehte mich um und ging mit leicht schwankenden Schritten hinüber in den großen Raum der Verwaltung. Freude fühlt man da gar nicht. ,, Warum lachst du denn nicht! Du Glückliche, du gehst in die Freiheit!" riefen alle durcheinander. Tasso sprang hinter der Barriere hervor und umarmte mich trotz Soldat und Strafblock.„, Gretuschka, das ist wunderbar, vielleicht wirst du auch Heinz bald wiedersehen!" ,, Meinst du? Ich kann das Ganze nicht begreifen. Komisch, daß man sich nicht mehr freut. Mir dröhnt es nur in den Ohren, wie damals beim Urteil!"
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Jetzt brauchst du nicht mehr zu arbeiten! Geh in den Strafblock und packe dein Zeug zusammen, vielleicht geht's schon heute abend los!" Der Soldat machte einen schwachen Versuch, etwas einzuwenden, aber Tasso schickte ihn, man könnte fast sagen, befahl ihm, zum Natschalnik zu gehen und sich zu erkundigen. Mit den Worten:„ Die
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