kann unsere beiden in dem Straftransport nicht vergessen, ich sehe sie immerfort vor mir". ,, Sie haben selbst schuld", meinte sie mit steinernem Gesicht. Da wußte ich, daß diese das Leben der beiden auf dem Gewissen hatte. Ich hielt ihre Hand fest: ,, Wer von uns ist denn ohne Schuld?" Sie ließ mir ihre Hand.
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Zu Beginn der Passionszeit vor diesem zweiten Ostern steckte eine Kameradin, die in der Kleiderkammer arbeitete, mir ein Büchlein in die Hand: ,, Kannst Du das lesen? Willst Du es haben?" Es war eine französische Übersetzung des Lukas- Evangeliums. Die Geschichte Jesu durfte ich wieder in ihrem ganzen Zusammenhang lesen, und Gottes Sehnsuchtsruf nach uns Menschen: ,, mich hatherzlich verlangt, dies Osterlamm mit Euch zu essen, ehe denn ich leide", füllte mir das Herz. Besitz von Gedrucktem außer dem Völkischen Beobachter, der im Lager in wenigen Exemplaren ausgegeben wurde, war verboten; insbesondere wurde Besitz und Weitergabe religiöser Schriften gelegentlich streng verfolgt. Ich fragte mich, was aus meinem kostbaren Bücherbesitz ein holländisches Gebetbüchlein hatte sich dazu gefunden werden sollte. Es gab verschiedene Möglichkeiten: weggeben, in den Ofen stecken oder behalten, darunter das im Ofen verbrennen entschieden das sicherste. Es war ja nicht das Göttliche selbst, es war nur bedrucktes Papier und würde drauBen tausendfach ersetzt werden können. Ich hatte die Geschichte von der Verleugnung des Petrus gelesen und sann darüber nach, was die dreifache Frage und dreifache Ableugnung des ängstlichen Jüngers mir sagen wolle. Da wurde es mir klar, es gab drei Wege, den Herrn zu verraten: Jesus Christus selbst abzusagen; sein heiliges Wort das mir in die Hände gelegt warpreiszugeben; mich von seiner Gemeinde, deren Gebete ich in Händen hielt, zu trennen. Ich durfte hier Inneres und äußerliche Verkörperung nicht scheiden, wollte ich nicht zum Verräter werden: ich mußte die mir anvertrauten Bücher behalten und in Ehren halten. Frühling, Erwachen des jungen Lebens draußen unter Gottes Himmel, und drinnen in den Mauern des KZ. das Werk der Zerstörung und Vernichtung! Dieser grelle Kontrast war manchmal an die Grenzen der Fassungskraft gegangen. Was nützte es, daß die jugendlichen Geister unter uns täglich, wenn die Sirene den Schluß des morgendlichen Zählappells ankündigte, mit einem Jubelruf die Arme in die Luft warfen! Es folgte doch der lange, gehetzte Arbeitstag, es folgte der nächste Appell am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang. Da standen wir vielfach Zerlumpten und Kranken eine Stunde, zwei Stunden im Schweigen und beobachteten, wie sich der Himmel färbte und die Sterne erloschen, bis das erste Licht die bleichen, angespannten Gesichter traf. Da lernten wir den Flug der Vögel unterscheiden: das stille Kreisen und den langen Gleitflug der Raubvögel,
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