die sonst so Aufmerksame und Hilfsbereite, würde selbst in dieser Sache, in der es um das Leben gehen konnte, sich nicht exponieren. Am Nach- mittag, als wir wieder hinauf zur Arbeit gehen, tritt die kränkliche pol- nische Kameradin, eine gläubige Katholikin, etwas unwirsch an mich her- an:„Nun wirst Du doch nicht verrückt sein und sagen, daß Du nicht willst? Ich habe eben der Aufseherin erzählt, Du könntest gut marschieren, es sei ein Versehen, daß man Dich für den Transport notiert habe, Du möchtest gern weiter in unserer Kolonne arbeiten. Nun wirst Du hoffentlich nicht irrsinnig sein und mir einen Strich durch die Rechnungmachen?“„Komm her“, sagte ich zu ihr,„ich muß Dir einen Kuß geben“. Und etwas leiser fügte ich hinzu:„Das kann ich Dir nie vergessen. Ich weiß, Du hast das nicht aus besonderer Vorliebe für mich getan, sondern unserem Herrn Je-
sus Christus zur Ehre, der an diesem Tage seinen Todesweg für uns alle angetreten hat. ich weiß, er hat lebendig vor Dir gestanden und Deinem Gewissen keine Ruhe gelassen, bis Du Dich einsetztest für mich, was Dir
das Leben kosten konnte.“ Sie schaute mich mit einem versonnenen, güti- gen Blick an; alle Heftigkeit von vorhin war verschwunden. Die Aufer- stehungssonne begann über uns zu leuchten.
Am Ostermorgen aber saß ich neben einer Bolschewistin aus der Roten Armee, einer ehemaligen Mathematikprofessorin, die durch ihre Begabung aus dem Bauernstand aufgestiegen war, auf einem umgestürzten Karren hinter einem Schuppen verborgen. Die grauhaarige Russin sang mir auf meine Bitte mit reiner, klarer Stimme altchristliche Osterchoräle, die sie in ihrer Kindheit im Kirchenchor gelernt hatte.„Jesus Christus ist auch ein Sozialist‘“, meinte die bolschewistische Professorin am Schluß unserer klei- nen Ostermorgenfeier.„Der ein und einzige Sozialist aller Zeiten, der uns alle zu Brüdern und Schwestern macht und uns aus aller Verknechtung, ja aus Tod und Todesfurcht befreit“, antwortete ich. Sie schaute fragend drein. Wir drückten einander geschwisterlich die Hand im Ostermorgenlicht.
Es gab auch Spitzel unter uns. Sie waren unter Umständen bereit, um ein Geringes, bessere Nahrung und Kleidung, Kameradinnen, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, in den wahrscheinlichen Tod zu schik- ken. Zwei angesehene Frauen unserer Bürokolonne hatten früh noch mit uns gearbeitet, abends standen sie in der allerdürftigsten Kleidung auf dem Lagerplatz, fertig gemacht für den Straftransport. Die Lagerpolizei erzählte am nächsten Morgen, der Transport habe in eisigem Wind die ganze Nacht auf dem Lagerplatz stehen müssen. Kurz darauf ging jene Kameradin an mir vorbei, die wir für die Denunziantin halten mußten. Es war Ostermorgen, das zweite Ostern im Lager, an dem eigentlich mir die - Vergasung bestimmt war. Ich gab der jungen Frau die Hand, wünschte ihr ein gutes Ostern, was sie freundlich erwiderte, und sagte darauf:„Ich
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