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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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er der Lockung einer besonders günstigen Gelegenheit nicht widerstehen konnte. Gewiß mildernde Umstände. Aber wo sollen wir bei den gerade in letzter Zeit überhandnehmenden Diebstählen von Bahn- und Postsendun­gen hinkommen, wenn die Polizei nicht scharf und hart zufaẞt? Möge er einen Richter finden, der bei seinem Urteil menschliches Mitgefühl und die Belange des Staates weise gegeneinander abwägt.

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Ganz anders stand es mit einem anderen Neuling unter den Gefangenen, einem Alten, der noch am Donnerstag Nachmittag zu uns kam. Das war wieder ein interessanter Fall für den Seelenforscher, vielleicht auch für den Arzt, denn körperlich krank war dieser Mensch obendrein, das sah man gleich beim Eintreten an seinem leidenden Gesichtsausdruck, seiner ge­krümmten Haltung und seinem schleppenden Gang.

Er mochte zwischen sechzig und siebzig Jahre alt sein. Wie ein typischer Bettel- und Schnapsbruder sah er aus mit seinem abgetragenen, schmutzigen schwarzen Mantel, dem ungepflegten Gesicht und dem mitleiderregenden Blick. So zogen sie in meiner Jugendzeit als arme Reisende bettelnd von Tür zu Tür.

In der Tat, es ergab sich aus seinen Erzählungen, daß er ein vollendeter Landstreicher war, einer der letzten seiner Art, denn der neue Staat hat ja gründlich damit aufgeräumt. Jahr für Jahr, sein ganzes Leben lang, ist dieser Mensch bettelnd umhergewandert, hauptsächlich in Süddeutschland. Nach Arbeit wird er sich nie gedrängt haben. Und wenn ihn auf seinen Wegen der liebe Gott zufällig in ein unbewachtes Gehöft geführt hat, oder wenn er einen unverschlossenen Keller antraf, dann wird er wahrscheinlich ohne sonderliche Hemmungen an sich genommen haben, was sich ihm gerade an Geld, Eßwaren und anderen Sachen bot. Über zwanzig Vorstrafen zählte sein Register, wie er uns freimütig sagte. Manche weitere Missetat wird der Polizei entgangen sein. So manches Gefängnis kannte der Alte von innen. Auch im Zuchthaus in Ludwigsburg war er schon gewesen.

Ein Gewaltverbrecher war er aber noch weniger als mancher andere hier; das merkte man. Er hatte im Gegenteil etwas Gemütliches an sich, eine Art philosophische Abgeklärtheit und kindliche Ergebenheit in sein Schicksal, wie es solchen berufsmäßigen Landstreichern manchmal eigen ist.

Die Art, wie er sprach, machte ihn weiterhin sympathisch, wenn dieser Ausdruck bei einem solchen nichtsnutzigen Menschen gestattet ist. Man hörte ihm viel lieber zu, als Dreher, dem seichten Vielschwätzer, obwohl

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