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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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dem Mann müssen seine Gedanken und die Lust, derartiges niederzuschrei- ben, gründlich ausgetrieben werden. Dann können Frau und Kinder lange warten, bis ich wieder heimkomme.

Morgen ist unser Hochzeitstag. Den hatte sich meine Frau wohl auch anders vorgestellt. So wird sie sich damit begnügen müssen, mir wieder einiges zu bringen. Sprechen wird sie mich wohl kaum dürfen nach allem, was ich hier gehört habe.

Solche Gedanken beschäftigten mich an jenem Donnerstag. Am Nach- mittag kamen noch einige Zugänge. Wir waren an jenem Abend achtzehn Mann, die Höchstzahl bis jetzt. Nachts lagen wir eng aneinander wie die Heringe. Die Matratzen und Decken reichten schon längst nicht mehr für alle. Einige von den Zuletztgekommenen mußten sich auf den blanken Fuß- boden legen und mit dem Mantel zudecken, sofern sie einen hatten. Von den Neulingen, die teils an jenem Donnerstag, teils am folgenden Tag ge- bracht wurden, seien hier drei näher beschrieben:

Zunächst der junge Mann, der verlegen und beschämt an der Tür stehen blieb, Tränen in den Augen. Sofort ging das neugierige Fragen los:Poli- tisch? Er schüttelte kaum merkbar den Kopf.Arbeitsverweigerung? Die gleiche Verneinung. Weitere Fragen beantwortete er überhaupt nicht. Teilnahmslos blickte er mit nassen Augen vor sich hin. Aber Dreher war nicht der Mann, locker zu lassen. Gleich einem gewiegten Unter- suchungsrichter gab er seinen Fragen immer wieder andere Wendungen, bis der Neue seinem lästigen Drängen nicht länger widerstehen konnte. Wir erfuhren schließlich, daß er als Angestellter bei der Bahnpost aus einem Feldpostpäckchen zwei Zigarren gestohlen hatte. Er wurde beobachtet und sofort verhaftet.Zuchthaus! , sagte Dreher, der gefühllose Mensch hierauf. Sichtlich zuckte der Missetäter zusammen. Um ihn zu trösten, widersprach ich entschieden. Doch Dreher legte mit seinem überlegenen Mundwerk dar, daß es auf Diebstahl aus Feldpostpäckchen, noch dazu von einem Bahnangestellten, nur Zuchthaus gibt.Wenn er es schon mehrmals getan hat, rollt der Kopf, fügte er in grausamer Weise hinzu.

Wir erfuhren dann noch, daß der arme Sünder Familienvater ist und zwei Kinder hat. Nach seinem Eindruck und seinen Worten konnte man ihm glauben, daß er tatsächlich beim ersten schüchternen Diebstahlversuch sofort gefaßt worden ist. Bemitleidenswert. Vielleicht ist er leidenschaft-

‚licher Raucher und hat längere Zeit keine Rauchwaren bekommen, so daß

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