NACHWORT
geschrieben Ende April 1945
Über ein Jahr hat dieser Bericht bei mir verborgen gelegen. Heute nun ist es so weit, daß ich ihn veröffentlichen kann. Die furchtbare Schicksalsstunde unseres Volkes ist da. Ungezählte Deutsche haben sie gleich mir mit blutendem Herzen, gebundenen Händen und zugehaltenem Mund als unabwendbar vorausgesehen. Nur, daß es nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis noch sechzehn Monate dauern würde, bis Deutschland den Widerstand einstellte, daß der Wahnsinn auf eine solche Spitze getrieben würde, daß Elend und Not diese Ausmaße annehmen würden, das wagte ich damals nicht zu fürchten.
Als ich freigelassen wurde und wähnte, die Vernunft müsse bei uns in kurzer Zeit durchbrechen und den für Deutschland aussichtslos gewordenen Krieg beenden, war Schwabens schöne Hauptstadt noch da und lebensstark, wenn auch aus mancher Wunde blutend. Erst durch die Bombenangriffe, die nach dem 20. Juli 1944 erfolgten, ist das, was Stuttgart früher war, dahin, wie die verfallenen Städte antiker Herrlichkeit. Neben den unvergeßlichen Wahrzeichen und Bauwerken, die jedem Stuttgarter ans Herz gewachsen waren, sind auch das Haus der Gestapo und das Polizeigefängnis in der Büchsenstraße ein Trümmerhaufen geworden.
Auch die Gefängnisbaracken, die wir in Zuffenhausen erstellen sollten, sind bald nach meiner Freilassung bei einem nächtlichen Angriff in Flammen aufgegangen. Halb erfreut, halb betrübt stellte ich es fest, als ich damals hinauspilgerte, um die freundlichen Polizeibeamten und Mitgefangenen zu besuchen. So habe ich keinen der ehemaligen Leidensgenossen wiedergesehen.
Sch., der Gestapobeamte, dem ich wohl am meisten zu verdanken habe, ist bald nach meiner Freilassung von der Stuttgarter Gestapo wieder weggekommen und auswärts für andere Arbeiten eingesetzt worden. Meine Bemühungen, ihn wiederzusehen und ihm zu danken, waren vergebens; ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.
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