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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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der Alte wegen seines körperlichen Leidens nur mit schwacher Stimme er­zählen konnte, wobei er obendrein noch oft stocken mußte.

Auch Schachspielen konnte er überraschend gut, wie wir später feststell­ten. Er war überhaupt geistig erstaunlich rege. Seinen Lebensunterhalt wollte er durch Sammeln und Handeln von Briefmarken verdient haben. Er behauptete, eine Sammlung von einigen Tausend Mark Wert zu besitzen und vom Briefmarkenverkauf gut leben zu können. Aber man durfte ihm wohl nicht alles glauben. Sicher war jedenfalls, daß er keinen festen Wohn­sitz und keine Angehörigen mehr hatte. Meinem Sohn ist es gut gegangen: er ist in Rußland gefallen", sagte er und zeigte dabei keinerlei Kummer.

Eigenartig war die Geschichte, die er uns erzählte, weshalb er wieder ins Gefängnis gekommen war. Sie mag glauben, wer will: Er habe ein Huhn gejagt, nur, um es in seinen Hof zurückzuführen. Dabei sei das verängstigte Tier in einem Zaun hängen geblieben und habe vor Schreck das Leben auf­gegeben. Ihm sei nun zur Last gelegt worden, er habe das Huhn absichtlich getötet, um es zu stehlen. Die gerichtsärztliche Untersuchung habe jedoch einwandfrei ergeben, daß das Huhn allein durch den Schreck draufgegangen sei, so daß ihm keinerlei Schuld zugesprochen werden könne. Nun, man hat ihn trotzdem eingesperrt.

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Aus seinem Landstreicherleben wußte der Alte noch manches Ergötzliche zu berichten. Einmal in Freiburg i. Br. war er, wahrscheinlich bettelnd, in eine Ärzte- Versammlung geraten. Die medizinischen Geistesleuchten irgend eines Kongresses saßen nach getaner Arbeit beim Wein und waren gut auf­gelegt. So machten sie ihren Ulk mit dem Landstreicher. Vielleicht hatte einer entdeckt, daß der Alte mit seiner hohen Stirn, dem klugen Gesicht und den grauen Haaren in diesem Kreise garnicht so unpassend ausgesehen hätte, wenn er nur entsprechend gut gekleidet gewesen wäre; jedenfalls be­handelten sie ihn, als sei er auch ein Professor, der in diese Versammlung gehöre, forderten ihn auf, sich unter sie zu setzen und ließen ihn vor allem tüchtig Wein trinken, erfreut und belustigt über die Abwechslung und die ungewöhnliche Unterhaltung mit dem trink- und redseligen Alten. ,, Ich bin den Herren keine Antwort schuldig geblieben und habe ihnen gezeigt, daß ich auch viel von Medizin verstehe." So sagte er uns selbstbewußt. Dabei leuchteten seine Augen noch jetzt in der Erinnerung voll Freude auf.

Die meiste Zeit aber war es hier in der Zelle ein großer Jammer mit ihm. Gleich am ersten Nachmittag begann sein Elend: er bekam einen kolikarti­

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