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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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EIN LÄSTIGER GESELLE UND NOCH ANDERE NEUE

Im Laufe jenes Mittwoch Nachmittag wurden noch einige Neue in unsere Zelle eingeliefert. Es war fast immer reizvoll, mit den Neuen ein Gespräch zu beginnen und sie auszuforschen. An Abwechslung und Unterhaltung fehlte es also nach wie vor nicht in unserer Zelle.

Gegen Abend kam aber einer, der mehr sprach, als uns allen lieb war. Ihn brauchte man nicht erst mehr oder weniger vorsichtig zu fragen, warum er in das Gefängnis gekommen war. Er kam mit den Worten herein:, Guten Abend, da bin ich wieder." Es war ein flott gekleideter, lebhafter Mann von etwa dreißig Jahren. Während er ein Bündel guter Wäsche, das er beim Eintreten unter den Arm geklemmt trug, auf dem Tisch auseinanderrollte, als sei er hier heimisch, begann sein Mundwerk zu sprudeln und es sollte so bald nicht wieder aufhören.

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Er war bereits kürzlich in dieser Zelle hier gewesen. Der Pole, der nun bald schon drei Wochen hier war, kannte ihn noch. Jetzt kam der Neue Dreher sei hier sein Name vom Untersuchungsgefängnis zurück. Am Tage vorher hatte er in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung auf der An­klagebank gesessen, worüber auch die Tageszeitungen berichtet hatten. Er hatte beim Schlangestehen mit einer Frau Streit bekommen und sie dabei ins Gesicht geschlagen. Seinem Mundwerk gelang es vor Gericht, das Mit­leid der Frau mit seinem verpfuschten Leben hervorzurufen. Als er sie mit viel Worten um Verzeihung bat, nahm sie die Klage zurück.

Doch es schwebte noch eine andere Sache gegen ihn: Beleidigung eines Kriminalbeamten. Bei seiner Verhaftung hatte er auffallend viel Lebens­mittelmarken bei sich, die er sich vom Munde abgespart haben wollte. Die Marken wurden beschlagnahmt. Den betreffenden Beamten hatte Dreher schriftlich der Unterschlagung seiner Lebensmittelmarken bezichtigt. Jetzt sollte er sich in dieser Sache verantworten und nachweisen, woher er die Marken hatte.

Doch damit bei weitem nicht genug. Ohne Unterbrechung erzählte er uns mit unglaublicher Redegewandtheit und Ausdauer von allen seinen sechs­undzwanzig Vorstrafen: Schwindeleien, Urkundenfälschungen, Schiebungen, Preisvergehen und ähnliche Kleinigkeiten", deretwegen man ihn schon ins Zuchthaus und auch in das berüchtigte Moor geschickt hatte. Er ging also durch alle Schulen. Mit seinem großen Wortschwall suchte er aber sich

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