Druckschrift 
Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen

verstört und erst recht unfähig, sich schnell einzuordnen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihn jedesmal beim Geräusch der Türriegel draußen hochzureißen und zurechtzuschieben, um ihm Schlimmeres zu ersparen.

Zum Schlafen am Abend ließen wir ihm einen Lagerplatz zwischen Röß­ler und mir frei. Er zeigte sich dabei wieder recht geniert und unbeholfen; wir merkten, wie schwer es ihm fiel, sich auf den schmutzigen, eng aneinander gereihten Matratzen hinzulegen, wo er bisher in seinem Leben wohl nur in feinsten und bequemen Betten geschlafen hatte. Doch zur Ehre aller Mitgefangenen in dieser Zelle sei gesagt: keiner hänselte ihn, keiner machte eine höhnisch- verletzende Bemerkung, wie es beim Militär, besonders unter jungen, rohen Soldaten mit Vorliebe geschieht, wenn einer sich anmerken läßt, daß er von Haus aus Besseres gewöhnt ist. Jeder von uns, auch die kriminellen Verbrecher, hatten ehrliches Mitempfinden mit dem Jammer dieses Menschen.

Nicht aber hatten das einige von den Polizeiknechten draußen. Wir merk­ten gut, wie einer nach dem andern in gewissen Zeitabständen nur zu dem Zweck das Licht andrehte und hereinschaute, um diesen seltsamen Men­schen mit dem gut frisierten Mädchenkopf zwischen uns liegen zu sehen; ein Anblick, wie er in diesem Gefängnis bisher wohl noch nicht da war. Jentsch hatte in dieser Nacht wohl mehr geweint als geschlafen. Wieder­holt ergriff er im Dunkeln meine Hand und hielt sie verängstigt fest, als erwache er aus furchtbarem Alpdruck. Immer wieder flüsterte er mir dabei fragend zu:, Glauben Sie, daß ich entmündigt werde? daß der Staat mir mein Vermögen nimmt? daß ich in eine Anstalt komme?"

-

Anfangs glaubte ich noch, es würde mit der Zeit möglich sein, ihn in dieser Hinsicht zu trösten und zu beruhigen. Im Laufe der nächsten Tage mußten wir aber alle erfahren, daß dies aussichtslos war. Was wir ihm auch zum Trost und zur Hoffnung sagten, er gab sich nicht zufrieden und stellte die gleichen Fragen immer wieder von neuem. Die Angst, entmün­digt zu werden oder in eine Anstalt zu kommen, war bei ihm zur Zwangs­vorstellung geworden. Tag und Nacht quälte er sich damit. Es war für ihn eine furchtbare Seelenmarter, und mit der Zeit wurde es auch für uns alle zur Nervenbelastung. An Stelle des anfänglich gütigen Zuredens bekam er jetzt immer mehr unwillige Antworten und scharfe, aufrüttelnde Worte zu hören. Einer von den robusteren Zellengenossen, an den er sich als neues Opfer mit seinen hundertmal vorgebrachten Fragen und seinem ständig

75