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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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ihnen lagen; und mancher von den Spitzbuben litt wohl Höllenqualen, daß er trotz seines Hungers nicht die gewohnte schnelle Handbewegung machen konnte. Aber einer paẞte auf den anderen auf, und ich hatte von meiner Ecke her auch noch ein wachsames Auge.

Es fiel dann, als ich endlich an das Essen und Verteilen gehen konnte, für alle etwas ab. Meine Frau hatte sehr reichlich geschickt. Lieber sparen sie es sich daheim vom Mund ab, als daß sie den Vater im Gefängnis Hunger leiden lassen.

Aus der Art der erhaltenen Toilette- Artikel erkannte ich auch, daß die Sendung bereits auf Grund der Bestellung des Betrunkenen kam, der am Vortag entlassen worden war. Nur gut, daß ich auf den Gedanken gekom­men war, durch ihn einen Zettel hinausschmuggeln zu lassen. Wer weiß, wann meine Frau den Brief vom letzten Donnerstag erhält. Vielleicht nie. Was kümmern sich schon die zuständigen Stellen hier im Gefängnis darum, ob mir die gewünschten Sachen gebracht werden. Ich bin ein Polizeigefan­gener, nicht mehr ein Mensch, der irgendwelche Rechte hat und Ansprüche stellen darf.

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Um vier Uhr erwartete Rößler wieder seine Eßwaren wie alltäglich. Zu seiner Überraschung wurde er diesmal herausgerufen; er durfte seine Frau sprechen. Es wurde ihm von dem das Gespräch überwachenden Beamten eröffnet, daß er am übernächsten Tag hier wegkomme, in das Lager von Narzweiler im Elsaß . Wie lange, wußte niemand. Rößler sah recht beküm­mert und bedrückt aus, als er in die Zelle zurückkam und uns das erzählte. Wie er sagte, wäre er viel lieber noch einige Zeit hier in dieser Zelle geblie­ben, wo er täglich von seiner Frau Essen und Lesestoff erhielt, als in jenes allgemein gefürchtete Arbeitslager zu kommen. Auch wir hätten ihn gern noch behalten; wie eine Mutter hatte er sich um alle und alles in unserer Zelle gekümmert. Wie liebevoll weihte er vor allem die Neulinge in die Gepflogenheiten des Gefängnisses ein.

Jentsch war sein schwierigster Fall. Wir alle gaben uns Mühe, diesem gänzlich unmilitärischen Sonderling beizubringen, daß er beim Öffnen der Tür aufspringen und sich mit uns in Reih und Glied stellen müsse.

Es wollte ihm nicht in den Kopf; er hatte deshalb von den Wachtmei­stern schon einige Anschnauzer mit Fluchen und Schimpfworten über sich ergehen lassen müssen.

Begreiflicherweise wurde dieser sensible Mensch dadurch nur noch mehr

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