Jentsch über den Nationalsozialismus gemacht hat. Anscheinend waren sie nicht so ganz harmlos, wir entnahmen das seinen Andeutungen. Ganz rückte er in diesem Punkt mit der Sprache nicht heraus, wohl aus Angst.
Was erlebt man nicht alles in diesem Gefängnis hier, dachte ich wieder einmal im Anschluß an den tränenreichen Bericht von Jentsch. Wie wunderlich spielt das Schicksal! Da sitzt der reiche, verwöhnte und vornehme Mensch neben dem lumpigen Taschendieb, der nicht viel mehr als Hose, Rock und Hemd sein eigen nennt. Draußen im Leben wären sie weit, unerreichbar weit von einander abgerückt; jetzt sitzen sie hier eng einträchtig nebeneinander auf der Bank, als wären sie beide die gleichen Sünder. Kann die Fantasie eines Dichters größere Gegensätze erfinden? Und das alles ist hier Wirklichkeit, ist tatsächlich! Ja, ich glaube, ich muß meinem Schick
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sal doch dankbar sein, daß es mich das einmal so anschaulich miterleben läẞt; und vielleicht ist der Preis, den ich dafür zahlen muß, keineswegs zu hoch.
Aus solcherlei Betrachtungen und Gedanken riß mich das Öffnen der Tür. Mein Name wurde gerufen. Der Wachtmeister schüttelte den Inhalt eines mir gut bekannten Koffers auf dem Tisch aus. Dann untersuchte er alles sorgfältig: Wäsche, Toiletteartikel, belegte Brote, Äpfel und Gebäck. Es war, als ob der Weihnachtsmann in unsere Zelle gekommen wäre. Alle die hungrigen Gestalten, die rings um den Tisch saßen, machten große, verlangende Augen, als sie die lang entbehrten guten Sachen vor sich ausgebreitet sahen.
Der Beamte sagte, daß der leere Koffer wieder mitgenommen würde. Mir mitzuteilen, wer ihn gebracht hatte, hielt er nicht für notwendig, geschweige einen Gruß von meiner Frau auszurichten, den sie mir doch sicherlich bestellt hatte. Vielleicht durfte er das auch nicht; was weiß ich. Es war immerhin einer von den anständigeren Beamten, ein älterer, ruhiger. So erklärte er sich wenn auch brummend und widerwillig bereit, mit der Rückgabe des Koffers zu warten, bis ich schnell die Wäsche gewechselt hatte, ein Entgegenkommen, zu dem beispielsweise O. niemals bereit gewesen wäre. Allerdings trieb mich auch dieser Wachtmeister hier zu größter Eile an, während er einstweilen hinausging. Wahrscheinlich hatte er Angst, der Oberleutnant könnte dazu kommen.
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Während ich mich auszog und die Leibwäsche wechselte, stierten meine Zellengenossen unablässig auf die Eßwaren, die zum Greifen nahe vor
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