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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Gegen Mittag wurde an diesem Sonntag noch ein Neuer eingeliefert, ein aufgeregter, geschwätziger Mensch, gebürtiger Hannoveraner. Er war be­schuldigt worden, aus der Kantine eines Rüstungsbetriebes Lebensmittel ge­stohlen zu haben. Immer wieder beteuerte er uns gegenüber seine Unschuld, als seien wir die Richter. Eine vernünftige Unterhaltung mit ihm war nicht möglich.

Ich verbrachte den Tag hauptsächlich mit dem Lesen der Lebensbeschrei­bung Heinrich Heines . Andere Zellengenossen dösten halb schlafend, halb wachend in sitzender Stellung stundenlang vor sich hin. Einige vertrieben sich die Zeit mit Mühle und Schachspielen. Als Brett hierzu diente die Rück­seite des Wandplakates mit der Gefängnisordnung; die Figuren wurden auf kleine Papierblättchen gezeichnet. Not macht wirklich erfinderisch. Die Wettkämpfe, die hier mit diesem primitiven Hilfszeug ausgetragen wurden, waren darum kaum weniger heiß und heftig, als so manches Turnier mit besten, elfenbeingeschnitzten Figuren. Sonst gab es an diesem Nachmittag keine weitere Störung unseres Sonntagfriedens."

Schon am frühen Nachmittag wurde das Licht, das von dem trübseligen Novemberhimmel hereinfiel, so schlecht, daß Lesen und Schachspielen die Augen anstrengte. Nur zu bald war es deshalb aus mit dieser Unterhaltung. Man saß untätig da oder lief teils verzweifelt, teils gedankenvoll hin und her.

Mit Röbler kam ich in ein Gespräch über die Rassenfrage. Ich weiß heute nicht mehr, was der Anlaß hierzu war, aber ich entsinne mich, wie wir mit bitterer Ironie feststellten, daß in unserer Zelle ausgerechnet drei Polen blond und blauäugig waren, also offenbar überwiegend nordischen Blutes: die beiden schlanken, hochgewachsenen Friesengestalten, die sich wie Zwil­linge glichen und der stille Mensch, der Zucker gestohlen und verschoben hatte. Alle anderen Zellengenossen waren schwarzhaarig und dunkeläugig wie Rößler und ich.

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Zufall?- Nein, allerorten finden sich ähnliche Beispiele der Rassenver­wirrung: blonde Italiener und dunkelhäutige Norweger ; bolschewistische" Russen, die stark und kernig, fleißig und erdverbunden sind, wie westfälische Bauerngeschlechter. Hingegen alteingesessene Deutsche , unter deren trieb­hafter, unsystematischer Arbeit das entsteht, was man polnische Wirtschaft nennt; deutsche SS- Leute mit unverkennbarem asiatischen, ja sorgar afrika­nischem Einschlag; und es hat schon Jüdinnen gegeben, die aussahen, als wären sie die Germania persönlich.

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