- übernachten. Heute wird man in eine finstere, verlauste Zelle geworfen, zu
Verbrechern. Tscha, mein Lieber, so haben sich die Zeiten geändert.”
Der andere erwiderte nichts. Seinem Schweigen und seinem Gesichtsaus- druck nach aber glaubte ich entnehmen zu können, daß er nicht gerade freundlich und begeistert über diese Zustände bei der Polizei gedacht hat. Wenn er bisher zustimmend zum gegenwärtigen Staat eingestellt war, so wird wohl auch bei ihm die Sympathie auf Grund des Erlebnisses in dieser Nacht einen Knacks bekommen haben.
Hunger und Durst waren ihm auch vergangen. Er gab das Brot und die Schüssel mit Kaffeebrühe, die er gleich uns empfangen hatte, sofort einem anderen. Man merkte, ihn beherrschte nur ein Gedanke: so schnell wie möglich raus aus dieser fürchterlichen Zelle. Er litt sehr. Eines hat die Polizei bestimmt erreicht: nie wieder wird dieser Mensch einen Schluck mehr
‚ trinken, als er vertragen kann, wenn er dann bei Dunkelheit seinen Weg
nach Hause suchen muß. Mir kam jetzt ein guter Gedanke: wenn dieser Mann nachher entlassen
wird, kann er meine Frau benachrichtigen, denn wer weiß, ob und wann mein Brief von hier befördert wird. Es war gut, daß Rößler einen Bleistift hatte. Ich riß ein Stück von dem weißen Rand einer Zeitschrift ab— an- deres Schreibpapier war nicht vorhanden— und schrieb darauf Anschrift und Rufnummer meiner Frau, wie auch die meiner Stuttgarter Verwandten für den Fall, daß dem Mann ein Gespräch über das Fernamt zu umständlich wat. Weiterhin vermerkte ich auf dem Zettel meine Wünsche: Lebensmit- tel, Wäsche, Toilettesachen, Zeitungen und Bücher.
Voller Mitgefühl mit meinem Schicksal versprach mir der Fremde, alles ausrichten zu wollen. Aber er lehnte es entschieden ab, meine in Stuttgart wohnende Schwester gelegentlich einmal aufzusuchen und mündlich einiges zu berichten. Anscheinend befürchtete er, daß ihm daraus Unannehmlich- keiten entstehen könnten, wie er uns auch seinen Namen verschwieg.—
Ich hoffe, daß er diesen gedruckten Bericht hier zu lesen bekommt, und ich bin froh, ihm auf diese Weise herzlich dafür danken zu können, daß er den kleinen, von mir beschriebenen Zettel, noch am selben Nachmittag mei- ner Schwester in den Briefkasten an ihrem Haus geworfen hat. Sie hatte daraufhin sofort meiner Frau nach Magstadt telefoniert; am nächsten Tag schon erhielt ich alle die heißbegehrten Sachen.— Doch ich will meinem
Bericht nicht vorgreifen.
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