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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Es stellte sich heraus, daß er in der Gegend wohnte, wo auch die Woh­nung von Röẞler war und daß sie beide gemeinsame Bekannte hatten. So war der Kontakt völlig hergestellt; wir hätten es jetzt wohl alle bedauert, wenn es am letzten Abend in der allseitigen Erregung zu Tätlichkeiten gegen­über dem armen Teufel gekommen wäre.

Immer wieder sah er mit entsetzten Augen zu dem schwervergitterten Fenster empor; man merkte, er konnte es nur schwer fassen, daß er in einer Gefängniszelle war, mit allerlei seltsamen, meist schlecht gekleideten Men­schen zusammen. Ich machte ihm klar, daß keiner ein Gewaltverbrecher ist. ,, Von den drei da hinten halten Sie sich allerdings am besten etwas fern", flüsterte ich ihm noch zu, sie haben Läuse. Aber sonst sind sie auch harmlos."

Erschrocken fuhr er bei dieser Eröffnung zusammen; wahrscheinlich fühlte er in der Einbildung bereits ein Jucken an seinem Körper.

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Als ich ihm dann noch darlegte, warum ich und einige andere hier einge­sperrt sind, wagte er vor Angst nicht mehr laut zu sprechen. Er flüsterte nur immer wieder kopfschüttelnd: Das ist ja furchtbar, das ist entsetzlich. Meinen Sie, daß man mich auch längere Zeit hier behalten wird?", fragte er mich schließlich mit bangem Gesicht, als er von mir hörte, daß ich nicht wußte, wann ich je aus dieser Jammerzelle wieder herauskomme, daß es Wochen, vielleicht sogar Monate dauern kann wie bei einigen anderen Ge­fangenen hier.

Rößler, der die Frage mitgehört hatte, beruhigte ihn auf Grund seiner Er­fahrungen: Gegen einhalb zehn Uhr läßt man Sie wieder springen, wenn Sie sonst nichts weiter angestellt haben. Das ist jeden Sonntag mit den Be­soffenen so."

Der Andere konnte die Zeit nicht erwarten. Es war erst halb acht Uhr. Nervös und ungeduldig fragte er mich nach jeder Viertelstunde, ob es nicht bald halb zehn sei. Anscheinend hatte er auch vor seiner Frau Angst. Im­mer wieder sprach er davon, wie peinlich es ihm sei, daß er die Nacht nicht daheim war und was seine Frau sagen wird, wenn er erst am Sonntag Vor­mittag ankommt. Daß ausgerechnet mir das passieren mußte! Ich gehe sonst wenig fort und trinke kaum etwas."

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,, Früher hat die Polizei einen anständigen Bürger heimgebracht, wenn er etwas über den Durst getrunken hatte und ihm später einen Strafzettel ge­schickt. Wenn es nicht anders ging, ließ man ihn auf einer Polizeiwache

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