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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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und schlägt Dich, daß Du für einige Tage genug hast." Und als er trotz­dem nicht aufhörte, rief der weniger gebildete Mann vom Heuberg aus seiner Ecke: Kerl, wenn Du jetzt nicht endlich ganz still bist und Dich hin­legst, stehe ich auf und schlage Dir den Ranzen voll."

Das half. Doch jetzt erklärte der Fremde, er müsse austreten. Das war nun freilich in dieser Finsternis für einen, der die besonderen Verhältnisse hier nicht kannte und noch dazu für einen Betrunkenen, ein sehr schwieriges Problem, fanden sich doch jede Nacht selbst einige Eingeweihte und Nüch­terne kaum zurecht.

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Um ein Unglück zu verhüten, fühlte sich Rößler in seiner sich selbst ge­gebenen Stubenältestenrolle verpflichtet, jetzt einzugreifen. Er tastete sich zum Kübel, nahm den Deckel ab und hielt dem Betrunkenen das Gefäß so vor den Leib, daß nach menschlichem Ermessen selbst hier bei völliger Dun­kelheit alles gut gehen mußte. Die nicht gerade zärtlichen, derb- schwäbi­schen Worte, die dabei gesprochen wurden und die Geräusche ließen uns den Vorgang deutlich verfolgen und wir mußten alle kräftig lachen. ,, So, und nun legst Du Dich hierher und schläfst", sagte anschließend Wenn wir Röẞler zu dem Fremden. Hier hast Du eine übrige Decke. noch ein Wort hören, passiert etwas!" Das klang fest und wirkte. Man merkte Röẞler an, daß er einst Hauptmann beim deutschen Militär gewesen war und befehlen gelernt hatte. Der Betrunkene murmelte nur noch ein paarmal vor sich hin: ,, Ihr lieben Leute, seid nur so gut." Dann schlief er ein. Mancher Leser dieses Berichtes wird es vielleicht als wenig geschmackvoll empfinden, daß ich das alles hier wiedergebe. Ich schreibe aber nicht ein schöngeistiges Werk, sondern möchte möglichst anschaulich schildern, wie es in einem solchen Gefängnis zugeht und was ich erlebt habe. Die Polizei fragte ja auch nicht danach, ob einer Ästhet und besonders fein empfindend war, wenn sie ihn in eine solche Zelle steckte, unter Umständen noch in dunkler Nacht.

So mußten wir am andern Morgen feststellen, daß der Betrunkene keines­wegs ein übler Mensch war. Er sah aus, wie ein biederer, braver Bürgers­mann, an Alter etwa Mitte Fünfzig, gut gekleidet. Wie er uns jetzt erzählte, hatte er mit einem Urlauber in einem bekannten Hotel zwei Flaschen Wein getrunken. ,, Man ist nichts mehr gewöhnt", sagte er ,,, hat auch nichts Rech­tes im Magen. Als ich an die Luft kam, drehte sich bei mir alles und ich fand in der Dunkelheit nicht mehr nach Hause."

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