Druckschrift 
Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen

Rasierseife und ein zerbrochener Spiegel. Mühevoll entfernte jeder, so gut es mit diesen Dingen möglich war, seinen Siebentagebart. Meiner freilich war noch nicht drei Tage alt. Es war auffallend, wie die Gesichter sämt- licher Insassen nach dem Rasieren angenehmer und menschlicher wurden.

Später erschien dann wieder der Polizei-Oberleutnant zu seiner täglichen Visite. Diesmal schien er noch übler gelaunt zu sein als am ersten Tag. Man merkte ihm an: suchend bemühte er sich, in der Zelle irgend etwas zum Beanstanden zu finden, wie es so einem ehemaligen aktiven Feldwebel während seiner langjährigen Dienstzeit nun einmal in Fleisch und Blut über- gegangen ist. Beim Hinausgehen sah er den Stuhl am Ofen stehen, auf dem der Neuhinzugekommene die ganze Zeit über gesessen hatte.Wenn einer von Euch noch einmal hier am Ofen sitzt, lasse ich den ganzen Tag nicht heizen!, wetterte er los; froh, nun doch noch etwas gefunden zu haben.

Kaum, daß die Tür wieder geschlossen war, brummte einer das in sol- chen Fällen unter schwäbischen Männern gebräuchlichste Schimpfwort hin- ter ihm her. Wir lachten alle. Was stört es auch diesen Oberleutnant schon, ob einer am Ofen sitzt oder nicht.Überhitzt ist der Ofen wahrhaftig nicht. Aber so sind diese Herren nun einmal. Und sie überlegen nicht, daß sie nicht nur sich, sondern die ganze deutsche Polizei blamieren, so sehr sie sich auch bemühen, mit ihrer schneidigen, blitzblanken Uniform und ihrer Haltung die ganze deutsche Polizei zu repräsentieren.

Bald darauf wurde für den jungen Deutschpolen, der wegen Zuckerdieb- stahl schon fünf Wochen hier war, ohne je richtig vernommen worden zu sein, ein Paket abgegeben. Eine große Wurst, Brötchen und verschiedene andere Lebensmittel kamen zum Vorschein.

So hat der Tscheche doch Wort gehalten, sagte Rößler zu dem Polen , der vor Freude strahlte. Er hatte immer schweigend in der Ecke gesessen, und ich glaube, ihn plagte der Hunger besonders stark.

Rößler erzählte mir jetzt, daß früher ein Tscheche hier in der Zelle gewe- sen sei, der kein Hemd am Leibe und auch sonst nichts rechtes anzuziehen gehabt hatte. Als er entlassen wurde, hätte der Pole, das biblische Wort wahrmachend, sein einziges Hemd ausgezogen und es dem Tschechen ge- schenkt. Aus Dankbarkeit habe der Tscheche dem Polen hierauf verspro- chen, ihm ein Lebensmittelpaket ins Gefängnis zu bringen, doch niemand habe es recht geglaubt. Wer einmal draußen ist, denkt nicht mehr an die

im Gefängnis zurück. Das sei eine alte Erfahrung. Und nun hatte der

56