Tscheche doch Wort gehalten! Wir hörten ihn dann auch unten im Hof pfeifen, der Pole erkannte den Pfiff. Es war aber nicht möglich, ihn vom Fenster aus zu sehen und wieder hinunter zu pfeifen.
Der junge Pole hatte tatsächlich kein Hemd an; er trug seinen braunen Pullover mit Ärmeln direkt auf der Haut, wie ich später feststellte.
Ich war gerührt. Seelenadel und Edelmut unter Verbrechern. Was man hier in diesem Gefängnis nicht alles erlebt.
Die Lebensmittel hatte der Tscheche draußen vielleicht irgendwo gestohlen, auf die Gefahr hin, wiederum eingesperrt zu werden. Vielleicht hat er auch das für ihn sicherlich noch größere Opfer gebracht und sich die Mar ken vom Munde abgespart. Wie dem auch sei, den hilfsbereiten Freund im Gefängnis wollte er unter keinen Umständen enttäuschen; es drängte ihn, das gegebene Wort einzulösen.
Um vier Uhr erhielt auch Rößler wieder einen Korb mit Lebensmitteln von seiner Frau. Dazu die neuesten Zeitungen und ein Buch. Der Wachtmeister schimpfte, es sei zuviel, was Rößler jeden Tag bekomme; morgen, am Sonntag, werde nichts für ihn angenommen. Doch wir merkten, daß dies nur dem persönlichen Unwillen des Beamten entsprang; er durfte die Annahme nicht verweigern.
Auch ich hatte im Stillen gehofft, meine Frau würde mir heute etwas schicken. Doch Rößler belehrte mich, daß es drei bis vier Tage dauert, bis mein Brief von vorgestern zur Post gegeben wird; er muß erst verschiedene Zensurstellen durchlaufen, und die Herren nehmen sich Zeit. Vielleicht auch wird er überhaupt zurückgehalten, ohne daß ich davon erfahre, falls ich in dem Brief irgend etwas Unliebes erwähnt habe. Angenehme Aussicht. Wie soll dann meine Frau davon Kenntnis erhalten, wo ich bin und daß sie mir etwas schicken darf.
Sehr erstaunt war ich, als ich das Buch aufschlug, das Rößler heute gebracht worden war: eine Biographie von Heinrich Heine , mit Bildern. Wenn ich mich noch recht entsinne, aus dem Jahre 1880. Den Namen des Verfassers habe ich mir leider nicht gemerkt. Gleich beim aufmerksamen Durchblättern blieb ich verwundert an einer Stelle hängen, wo Heines jüdische Abstammung als gut für seine dichterische Begabung ausgelegt worden ist. - Und dieses Buch, das ein waschechter Nationalsozialist und Judenfresser verbrennt und dann vielleicht noch die Asche in alle Winde zerstreut, so wie die Kirchenherren seinerzeit die Asche des Ketzers Huß an verschiedenen
-
57


