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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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kennengelernt und hier geschildert habe. Diesmal ging es mit etwas weniger Schimpfen und Anschreien ab, weil nicht der brutale Wachtmeister O. Dienst hatte.

EIN RUHIGER TAG UND EINE UNRUHIGE NACHT

Auch der nächste Morgen verlief wie am Vortag. Als die drei Polen wie­der zur Arbeit weggeholt waren, zählten wir in der Zelle nur noch sechs Mann. Es war der niederste Stand während meiner Gefangenschaft.

Schon im Laufe des Vormittags kam ein Neuer. Der Bursche hatte etwas Unangenehmes im Gesicht und im Wesen. Doch er wußte spannend zu er­zählen. Zuletzt war er auf dem Heuberg in einer militärischen Strafkom­panie gewesen. Dort hatten wüste Gesellen eine Wirtschaft kurz und klein geschlagen, alle Stühle, Tische und das ganze Geschirr. Der neue Häftling stand im Verdacht, mit daran teilgenommen zu haben, weshalb man ihn zur Untersuchung und Aburteilung hierher gebracht hatte. Uns gegenüber be­stritt er jede Schuld. Aber man konnte ihm eine solche Tat schon zutrauen; er sah aus wie ein Krakehler und Raufbold. Ja, es hätte mich keineswegs gewundert, wenn er der Anführer der ganzen Bande gewesen wäre. Es stellte sich im Laufe der Untersuchung heraus, daß er schon im Zuchthaus gewe­sen war und auch im Moor. Warum, das erfuhren wir nicht.

Das Moor scheint das Schlimmste zu sein, was es an Strafverbüßung in Deutschland gibt. Rößler und andere Zellengenossen wußten vom Hören­sagen auch allerlei davon zu berichten. Droben im Norden, bei Lingen, müs­sen die Sträflinge Moorboden kultivieren, jeder im Tag eine genau vorge­schriebene Anzahl Kubikmeter, ohne Rücksicht darauf, ob einer körperlich stark oder schwach ist. Die Behandlung sei hundemäßig, das Essen auch. SS- Leute halten strenge Aufsicht und schießen jeden sofort nieder, der nur den leisen Versuch zum Widerstand oder zur Flucht macht. Viele würden aus dem Moor nie mehr zurückkehren.

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Es war Samstag heute. An diesem Tag jeder Woche dürfen sich die Ge­fangenen rasieren. Nach dem Mittagessen wurde uns ein alter Rasierapparát gebracht, dazu ein Pinsel, der noch einige Borsten hatte, ein winziges Stück

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