Er sagte das mit einem starken Ausdruck von Abscheu im Gesicht und in tief verächtlichem Ton der Mann hatte im Zuchthaus Furchtbares durchgemacht!
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Ich dachte an das Soldatenleben. Beim Militär, besonders in den Wochen der Ausbildung ist es ja auch so, daß sich die Soldaten untereinander oft mehr quälen, als es durch Unteroffiziere und andere Vorgesetzte geschieht. Besonders die, denen die Natur ein feineres Wesen gegeben hat, die Gebildeten und Empfindsamen, werden nur zu gern von den Robusten, Rohen und Gemeinen mit satanischer Freude seelisch wundgerieben und gepeinigt. Wieviel schlimmer muß dies im Zuchthaus sein, wenn man mit richtigen Verbrechern eng zusammenleben muß, denen alles im Leben gleichgültig ist. Und dieser schwächliche Mann hier ist einer von den Feingeistigen, ein Mensch, der viel denkt und tief empfindet; das war aus seinen Worten gleich am Anfang zu merken. Menschen dieser Art können mit der brutalen Gewalt Adolf Hitlers nicht einverstanden sein. Das wurde ihm, wie tausend anderen, zum Verderben.
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,, Hört, der Wagen fährt ein, es ist gleich Mittag", bemerkte jetzt Rößler, als man drunten im Hof einen Kraftwagen halten hörte. Und, sich an mich wendend, fügte er hinzu:„ Das ist nämlich unsere Uhr. Kurz vor 12 Uhr und nachmittags 5 Uhr bringt der Gefangenenwagen täglich die Gefangenen vom Verhör bei der Gestapo zurück und zugleich die Kübel mit dem Essen für uns."
Ich schaute nach meiner, durch den Rockärmel verdeckten Armbanduhr. In der Tat, es waren zehn Minuten bis zwölf. Verwundert sah mich alles - ,, Mensch, an. ,, Hat man Ihnen die Uhr nicht abgenommen?"-„ Nein."
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da haben Sie Schwein gehabt. Das hat man vergessen. Lassen Sie die Uhr nur nicht sehen." So war ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft der geschätzte Mann, der zu jeder Tages- und Nachtstunde die Zeit angeben konnte. Wohl nie sonst in meinem Leben bin ich so viel danach gefragt worden, wie hier bei den untätig dasitzenden Gefangenen, die hungrig und ungeduldig immer auf die nächste Mahlzeit warteten, wie die Tiere im Zoologischen Garten auf die Fütterung.
Rößler hatte Recht: es dauerte nicht mehr lange, da rasselte der Schlüsselbund im Schloß und man hörte, wie die schweren Riegel draußen zurückgeschoben wurden. Dieses Rasseln des Schlüsselbundes und das laute öffnen der Riegel sollte mir bald, wie jedem Insassen dieses Gefängnisses, zur
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