schrecklichen, sich am Tage unzählige Male wiederholenden Melodie werden. Es waren die charakteristischen Geräusche dieses Hauses. Eindringlicher, als es Worte vermöchten, bestätigen sie den Ohren des Gefangenen stets aufs neue, was das vergitterte Fenster und die düstere Zelle den Augen sagen: Du bist gefangen, eingesperrt, hinter Schloß und Riegel. Mit der Zeit gehen diese Geräusche an die Nerven; wohl jeder Gefangene behält sie nach seiner Entlassung noch lange in den Ohren.
Als die Gefangenen in der Zelle draußen Schloß und Riegelwerk betätigen hörten, sprangen sie auf und stellten sich längs der Zelle in zwei Reihen auf, wie ich es bei meinem Eintreten erlebt hatte. Mir erklärten sie, daß dies bei jedem öffnen der Tür geschehen muß, und so stand ich als jüngstes Glied dieser ,, Verbrechergarde" am Ende der Doppelreihe.
Die schwere Eisentür ging auf. Rößler, der ehemalige Hauptmann, war hier anscheinend so etwas wie Stubenältester. Er stand vorn als Erster und meldete dem eintretenden Wachtmeister mit dem schrecklich großen Schlüsselbund kurz und militärisch:„ Neun Mann!"
Ein Gefangener in Sträflingskleidung kam hierauf mit einem Tragbrett an den Türeingang, auf dem neun Blechschüsseln mit Essen und neun Scheiben Brot standen. Jeder trat vor und nahm sich Schüssel und Brot, dazu einen Löffel. Mit Argusaugen überwachte der danebenstehende Polizeibeamte den Vorgang, als würden Goldbarren aus einem Banktresor überführt; jedesmal, wenn ein Gefangener Blechnapf und Brot genommen hatte, zählte er laut ,, eins zwei und so weiter.
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Im Blechnapf war eine dünne Nudelsuppe. Sie schmeckte gar nicht schlecht. Beim Militär war es oft nicht besser gekocht und ich mußte daran denken, daß man jetzt im fünften Kriegsjahr auch in mancher Gaststätte kaum etwas Besseres bekam. Aber es war viel zu wenig. Von der halben Schüssel voll Suppe und der Scheibe Brot konnte ein Mann unmöglich satt werden und bis zum Abend auskommen.
,, Nur gleich am Anfang richtig mitessen, sonst hält man nicht durch", sagte der Kranke, der wegen eines politischen Vergehens im Zuchthaus gewesen war, ermunternd zu mir, da er merkte, daß mir die Esserei aus dem wenig appetitlichen Blechnapf nicht behagte.
Ich ließ ihm den Rest meiner Portion. Sichtlich erfreut und mit Eifer machte er sich darüber. Der Mann hatte großen Hunger. Er war noch nicht ganz fertig mit dieser zweiten Portion, da rasselten wieder die Schlüssel
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