Den Brief in der Hand, kamen leise, fast zärtlich über seine bebenden Lippen die Worte:

,, Komm zu mir! Hoffentlich sehen wir uns bald wie­der! Nein, mein liebes Schwesterlein, damit ist es vorbei! Ich sehe dich und unsere geliebte russische Erde nicht mehr wieder. Man wird mich töten!"

Sein Gesicht sah aus wie aus Marmor gemeißelt. Die Kameraden ließen ihn gewähren und unterbrachen ihn nicht. Totenstille um ihn. Alle versuchten, über ihr eige­nes Schicksal nachzudenken. Ein nervöses Zucken glitt über sein Gesicht. Ironie und Spott traten wieder hervor. Halblaut sagte er zu sich selbst: ,, Was heißt schon leben, was ist schon ein Menschenleben? Ein Nichts!"

Er wandte sich wieder seinen Kameraden zu, sein Ab­schied mit der Schwester war beendet.

Dies war die letzte gemütliche Zusammenkunft mit seinen Kameraden. Die ersten Tage der darauf folgenden Woche vergingen, ohne daß etwas Besonderes geschah. Kleine Hoffnungsschimmer machten sich bei ihm bemerk­bar. Sollte man doch unseren Fall anders beurteilen als den des bereits erledigten Polen ?

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Und dann kam der Sonnabend, der 3. Juni!

Unser Freund Wladimir war wie immer mit seinem Arbeitskommando ausgerückt und arbeitete intensiv, um den einen, immer gleichen bohrenden Gedanken loszu­werden. Gegen Mittag trat sein Kapo und ein Stuben­dienst seines Blockes auf ihn zu mit der Aufforderung, zum Blockältesten zu kommen.

Im selben Augenblick war ihm klar, was dies für ihn hieß. Es gab kein Entrinnen mehr. Jetzt galt es, zu kämp­fen! Der Tod stand unmittelbar vor ihm.

Mit dem Stubendienst passierte er das Haupttor ins Lager. Der Blockälteste von Block 45 wartete bereits auf ihn. Er selbst nahm sich jedoch noch so viel Zeit, um auf seinen C- Flügel, in dem er bisher wohnte, hinaufzugehen. Er übergab seine letzten Habseligkeiten einem Häftling

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