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, Warum nimmst du gleich das schlimmste an? Der Fall mit dem Polen war vielleicht ganz anders gelagert als der deinige mitsamt deinen 4 Kameraden."

,, Du meinst es vielleicht gut, wenn du glaubst, mich trösten zu müssen, aber dies ist bei mir keinesfalls ange­bracht. Ich verlange nur Klarheit. Dieser Pole hat genau nur das getan, was auch ich und meine 4 Kameraden aus­geführt haben. Er hat sich Zivilkleidung gestohlen, ge­nau wie wir, um sich überhaupt draußen bewegen zu können. Also, wenn wir keine Illusionisten sind, müssen auch wir damit rechnen, daß wir eines Tages zum Auf­hängen aufgerufen werden. Den Polen hat man einmal aufgehängt. Uns hängt man hunderte Male auf. Du ver­stehst nicht? Weißt du, was warten heißt? Ich weiß, daß man mich aufhängen will, aber es geschieht nichts. Ich stehe hier und kann nichts anderes tun als warten, warten, warten! In jeder Nacht hängt man mich auf. Auch der stärkste, mutigste Mensch würde ständig von diesem Ge­danken geplagt sein, wenn er sich in unserer Lage befin­den würde. Aber das versichere ich dir, kampflos werde ich nicht sterben!"

Das Gespräch war damit beendet. Tage waren ver­gangen. Sonntag nachmittag war es. Arbeitsfrei! Er saß mit seinen Kameraden am Tisch und packte das Paket auf, das ihm seine Schwester geschickt hatte. Sie war ebenfalls nach Deutschland als Ostarbeiterin gebracht wor­den und schickte ihrem unglücklichen Bruder zusammen­gesparte Liebesgaben. Er teilte den Inhalt unter seine Kameraden brüderlich auf. Dann las er das Briefchen, das sie ihm beigelegt hatte. Sein Gesicht wurde kalkweiß. Seine Augen nahmen einen eigenartigen Glanz an. Sie sahen nicht die Kameraden ringsum, sie sahen jetzt keinen Buchenwald, nein, sie sahen jetzt die liebe Schwester, weit, weit weg von hier. Seine Schwester schrieb ihm zum Schluß: ,, Komm zu mir! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!"

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