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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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sprungen und auf keiner Landkarte zu finden war. Was konnte mir noch Schlimmes begegnen? Was waren alle Schrecken der Front, was war die entfesselte Hölle des Krie­ges gegen diese Mördergrube, in der ich fünf Jahre gelebt hatte. Gelebt! Ich muß sagen: gelebt, denn wir haben das Wort nicht, das diesen Zustand des Seins so benennt, daß jeden, der es nur hört, das Grauen kalt überläuft. Und gerade darum müßten wir es haben, dieses Wort. Denn ich ahnte in dem Augenblick, da ich frei werden sollte, daß die Menschheit da draußen sich nicht mitschuldig bekennen würde an all dem Gemeinen, das ihr Halbgott ersann. Sie wird es nicht kennen wollen und nicht wissen. Sie will nicht mehr von dem Schrecken empfangen, als jenen billigen Schauer, der ihr auch aus den Zeilen eines Kolportageromans entgegenweht. Sie wird unseren Berichten keinen Glauben schenken und uns der Übertreibung beschuldigen. Und eines Tages wird sie es überhaupt satt­haben, sich damit zu beschäftigen und alles längst vergessen haben, wenn irgendwo in der Verborgenheit ihres eigenen Schoßes ein neuer Unhold sich regt, zu neuer Untat bereit und zu neuem Unheil entschlossen.

Aber was bedeutete mir dies jetzt, da die Tatsache meiner Ent­lassung mich nicht nur mit bescheidenen Hoffnungen, viel­leicht viel zu bescheidenen Hoffnungen, erfüllte, sondern mehr noch mit der klaren Erkenntnis, daß dieses so prahlerisch für die Dauer von einem Jahrtausend geschaffene Gebäude nun, nach Verlauf von knapp zwölf Jahren, vor seinem unaufhalt­baren Einsturz stand. Noch konnten und würden viele von seinen stürzenden Trümmern erschlagen werden, vielleicht auch ich.

Die Kameraden beglückwünschten mich. Sie sahen mich schon in die Freiheit gehen. Ich verabschiedete mich von allen mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen in einem freieren und besseren Deutschland .

In der fünften Morgenstunde des 2. März erhielt ich die er­wartete Vorladung zum Rapportführer, mit der jede Entlas­

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