Druckschrift 
Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
153
Einzelbild herunterladen

für Sie und Ihre sämtlichen Blutsverwandten die nachteilig­sten Folgen haben würde. Ihre Eltern, wenn Sie noch welche haben, Ihre Frau, Ihre Kinder, ja Ihre Geschwister würden in einem solchen Falle von uns ausgelöscht. Sind Sie sich dar­über im klaren?"

Ich bejahte.

,, Wir sind zu diesen Maßnahmen gezwungen" erklärte der Mann ,,, da wir gerade in letzter Zeit in dieser Hinsicht sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wir befinden uns heute in einer Lage, die uns keinerlei Sentimentalität gestattet. Ich sage das zu Ihrer Information und zur gefälligen Darnach­haltung. Ordnen Sie jetzt Ihre Angelegenheiten an Ihrem Ar­beitsplatz. Ihre Entlassung kann frühestens am 2. März, also in drei Tagen, erfolgen!"

Ich konnte gehen. Ich ging. Ging wie ein Betrunkener, wie ein aus qualvollen Träumen Erwachender. Der Weg und die Bäume und Büsche, die langen grünen Baracken und alles, was meine Augen in sich hineinsogen, als sei es bereits das Bild einer anderen reineren Welt, drehte sich in einem wirbeln­den Tanz. Mein Herz schlug so heftig, daß ich die pochenden Laute bis in meine Schläfen spürte, und ein Bedürfnis, laut herauszuheulen oder zu schreien, saß würgend in meiner Kehle. Der Weg in die Freiheit lag vor mir. Nicht in die Frei­heit, die ich meinte und die mein Herz begehrte, aber doch in die Freiheit. Sie gab mir das Recht und die Möglichkeit des persönlichen Handelns zurück. Was jetzt auch immer geschehen mochte, dem Lagertod war ich entronnen.

Fünf Jahre war mir das Schicksal gnädig. Jetzt, da die Verhält­nisse in diesen Lagern Formen angenommen hatten, die ein Entrinnen aus dem Inferno mehr als fragwürdig erscheinen ließen, bot es mir noch einmal die rettende Hand. Ich wußte, es würde mich auch weiterhin nicht im Stich lassen. Gewiß, ich hatte mich nie gleichgültig und stumpf dem oft blind waltenden Zufall überlassen. Ich hatte den Wert meines Lebens um so höher geachtet, als der Haß ihn verminderte. Ich hatte der Sorge um die Erhaltung meiner physischen Exi­

153