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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Verbände im Raum von Küstrin , und Goebbels stellte noch immer die greifbare Nähe des deutschen Sieges als ein vom Mythos der Geschichte verheißungsvoll umrauschtes Faktum fest. Wer dieses infernalische Theater aus der Perspektive des Konzentrationslager miterleben mußte, ist heute wie aus einem Alptraum erwacht. Alles Grauen der Zeit vereinte sich in den Lagern. Wer nicht verschickt oder vergast wurde, mußte sich täglich das Leben erringen. Baukommandos zur Herstel­lung von Panzersperren rückten aus. Das Lager selbst wurde befestigt. Für den Ausbau der Hauptkampflinie komman­dierte man Häftlinge. In der Waffenfabrik wurde eine neue Panzerfaust hergestellt. Häftlingsgruppen gingen als Versuchskommandos in irgendein geheimes Rüstungswerk, wo an ihnen die Wirkung neuer Kampfstoffe ausprobiert wurde. Die meisten kamen nicht wieder.

Im Januar und Februar 1945 entledigte man sich der 2000 Tuberkulosekranken, die der Krankenbau beherbergte, indem man sie auf Transport schickte. Diese Transporte erfolgten im grauen, fensterlosen Todeskarren; sie nahmen ihren Ausgang vor dem Tor des Turmes A und endeten fünf Minuten später in der Gaskammer. Im Krankenbau herrschte verzweifelte Stimmung. Ein Beauftragter Himmlers war erschienen und bestimmte an Hand der Krankentabellen die Opfer für die Station Z. Eine Angstpsychose, die sich bald über das ganze Lager verbreitete, hatte Kranke, Pfleger und Ärzte gepackt. Eine eigene Lichtleitung nach dem Industriehof wurde gelegt und gab dem Gerücht von bevorstehenden weiteren Massen­abschlachtungen neue Nahrung.

Der krankhafte Versuch, durch harmlose Gespräche die Furcht vor dem Kommenden zu bannen, machte alles noch gespensti­scher und grauenvoller. Stumme, fragende Blicke, auf die es keine Antwort gab, begegneten einem überall und von Stunde zu Stunde sank die Hoffnung, die Hölle zu überleben. Im Februar erhielten die Verwaltungsbetriebe des Lagers den Auftrag zur sofortigen Vernichtung sämtlicher Akten, Kar­teien, Listen, Korrespondenzen, Baupläne. Die Zivilkleider

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