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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Empfang von Lebensmitteln, die sich unsere Angehörigen in den weitaus meisten Fällen vom Mund absparen mußten, denn was es hieß, im Kriegswinter 1942/43 jemanden ein viertel Pfund Butter zu schenken, wissen die, die diese Zeit mitgemacht haben. Um also für die SS zu arbeiten, durften wir uns nun auf Kosten unserer Angehörigen verpflegen; aber in der Lage, in der wir uns befanden, waren wir glücklich, daß wir es konnten. Die Ernährungsverhältnisse im Lager hatten nach Einstellung des Brotverkaufs einen Tiefstand er­reicht, der auch durch die gelegentliche Abgabe von rohem Sauerkraut oder Selterswasser nicht geändert werden konnte. Der Hunger, der aus den Augen aller sprach, ließ die rapide Ausbreitung epidemischer Krankheiten befürchten. Der Man­gel an Vitaminen beschleunigte den Kräfteverfall. Skorbut , Furunkulose, Wassersucht und ähnliche, durch Mangel her­vorgerufene Leiden machten sich im wachsenden Ausfall von Arbeitskräften bemerkbar. Auch der Geisteszustand der Häft­linge erfuhr eine merkwürdige Beeinflussung. Mein Erinne­rungsvermögen ließ in einer so erschreckenden Weise nach, daß ich mich, zum Beispiel, einmal einen ganzen Tag lang nicht mehr der Namen meiner Kinder entsinnen konnte. Eine Stumpfheit sondergleichen hatte sich unserer Sinne bemäch­tigt, die nur noch auf die sich zwangsläufig einstellenden Ge­danken an irgendwelche unerreichbaren Speisen reagierten. Menschen, die in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht daran gedacht hatten, sich um die Geheimnisse der Kochkunst zu kümmern, erfanden jetzt Kochrezepte oder schnitten sich solche aus den Zeitungen aus, um sie bei sich zu haben und studieren zu können. Auf dem großen Müllhaufen hinter der Küche, der nach Rübenabfällen, verfaulten Kartoffelschalen und in Verwesung übergehende Knochen stank, krochen schauerlich ausgemergelte Häftlingsgestalten herum und rissen sich gegen­seitig den stinkenden und giftigen Unrat aus den Händen, um ihn mit wilder Gier zu verschlingen. Zahlreiche Häftlinge starben am Genuß dieser Dinge oder irgendwelcher Wurzeln, Kräuter und Baumrinden, die sie von ihren Arbeitsplätzen

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