Selbst die Fußsohlen wiesen Tätowierungen auf und als man ihm das Haupthaar abrasierte, sah man, daß die blauen und roten Ornamente, Zeichnungen und Spruchbänder sich sogar über den Scheitel erstreckten. Dieser seltsame Mensch war vollkommen gesund und würde noch leben, wenn nicht die SSÄrzte auf den Einfall gekommen wären, sich der Haut dieses Mannes als einer Trophäe von ganz besonderer Eigenart und Seltenheit zu bemächtigen. Der Mann wurde wenige Wochen nach seiner Einlieferung durch eine Injektion getötet, seine Haut abgezogen und gegerbt. Jahrelang schmückte diese schaurige Rarität eine der Wände des anatomischen Hörsaales. Hautstücke von Tätowierten wurden gelegentlich auch in der Buchbinderei des Lagers zu Bucheinbänden und Lampenschirmen verarbeitet. Ob man in solchen Fällen den ursprünglichen Besitzer des betreffenden Hautstückes hiefür umbrachte, weiß ich nicht.
Wesentlich besorgter war die SS allerdings um ihre eigene Sicherheit, als in den Wintermonaten 1941/42 Flecktyphus ausgebrochen war und als erste Opfer das Leben einiger SSScharführer forderte. Dieses Ereignis, das die Lagerführung erinnerte, daß der Tod auch vor dem silbergestanzten Symbol auf den Mützen der SS - Angehörigen keinen Halt machte, gab den Anlaß zu durchgreifenden Gegenmaßnahmen. Die Desinfektion sämtlicher Lagerbauten und Häftlingskleider wurde angeordnet und durchgeführt. Schutzimpfungen fanden statt, die Inbetriebnahme einer eigenen Entlausungsanstalt und strenge Isolierung der Kranken verhinderten eine Ausbreitung der Seuche. Eine allgemeine Quarantäne wurde verhängt und die Arbeit in sämtlichen Betrieben eingestellt. In dieser Zeit wagte sich kaum ein SS- Mann in das Lager, was die Angst vor der Seuche herabsetzte und unsere Stimmung erhöhte.
Wir wurden mit dem Sortieren von Zivlikleidern beauftragt, die kurz vorher auf mehreren Lastwagen in das Lager geschafft worden waren. Sie kamen aus Auschwitz . Sie bestanden aus Tausenden von Bekleidungsstücken, Anzügen, Mänteln, Frauen
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