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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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Pläne hatte er gewiß; es waren Pläne elementaren Stils, denn er rechnete damit in aller Unschuld, die Gelichter seines Schlages auszeichnet, eines Tages als reicher Mann aus dem Lager zu gehen, unter dem Arm die Margarineschachtel, die man nach seinem Tode bei ihm fand und die bis zum Rande gefüllt war mit goldenen Zähnen und Zahnprothesen all derer, die er im Laufe seiner Tätigkeit als Krematoriumschef in den Ofen geschoben hatte. Er war ein praktischer und realistischer Mann, er sah nicht ein, weshalb man den goldenen Mund einer Leiche der Vernichtung durch das Feuer anheimgeben sollte; er entbrach ihm also die Zähne und baute auf diesen das Glück seiner Zukunft.

Dieser treue Diener seines Herrn, der noch unberührt von dem Geist der erst später zu so hohem Ansehen gelangten ,, Technik der Entvölkerung" den Totschlag als eine Art liebgewordenes Handwerk kultivierte, war gleichwohl ein Lehrling, gemessen an Perrunje. Perrunje, dem die nicht minder ehrenvolle Auf­gabe zugefallen war, die Belegschaft der Strafkompanie nicht über die Zahl der vorhandenen Betten hinauswachsen zu las­sen, entledigte sich dieser Arbeit auf eine wesentlich kunst­vollere Weise als Böhm. Ich weiß nicht, ob es seine eigene Er­findung war, oder ob er nur auf alte bewährte Erfahrungen zu­rückgriff, jedenfalls bediente er sich mit Vorliebe des kalten Wassers zur Durchführung seiner drastischen Kuren. Ein auf die Herzgegend gerichteter eiskalter und starker Wasserstrahl sollte bei entsprechend ausdauernder Behandlung die ge­wünschte Wirkung hervorrufen. Diese im Sommer erfolgreiche Methode steigerte Perrunje im Winter noch wirkungsvoller; er bespritzte seine im Freien vor der Baracke aufgestellten Opfer mit Wasser und gab sie hier dem Erfrierungstod preis. Es gab noch eine Reihe anderer Beseitigungsmethoden. In ähn­licher Weise wie bei der Strafkolonne des Vorarbeiters Felix. auf dem Klinkerwerk wurden auch hier im Lager Häftlinge, deren man sich entledigen wollte, während der Arbeit zu­grunde gerichtet. Beim Bau des großen Luftschutzkellers auf dem Exerzierplatz des Truppenbereiches wurde täglich ein gutes

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