Druckschrift 
Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Munde führte und der jeden seiner in einer harten und holp­rigen Sprache vorgetragenen Sätze begleitete und bekräftigte. Perrunje war ein untersetzter, molliger Mensch, an dem alles ein wenig schwabbelte, mit einem roten Bierbrauerkopf und betörend scheinheiligen Augen. Jeder seiner Blicke war ein offenkundiger Verrat an der Sache der Menschheit, eine auf­dringliche Lüge. Seine Hände waren klein und weich und hatten kurze wurstförmige Finger. Er bewegte sich geziert wie ein dickes kokettes Weib, ganz im Gegensatz zu Böhm, der mehr rutschte als ging.

Was Perrunje früher einmal für einen Beruf ausgeübt hatte, weiß ich nicht. Da er einen schwarzen Winkel trug, nehme ich an, daß er sich der Zuhälterei befleißigte, die ja ein sehr weit­läufiges und vielseitiges Gewerbe ist.

Im Lager, wo man die Bereitschaft zum Mord mit einem Stück Wurst, einer Hand voll Zigaretten oder ähnlichen Gegenwer­ten bezahlte, wurde Perrunje Blockältester in dem isolierten Bereich der Strafkompanie, einer Einrichtung, die für die rasche Beseitigung besonderer Häftlinge geschaffen war und für die man einen Menschen als Vorsteher benötigte, der be­reit war, diese Aufgabe zu erfüllen. Auch Böhm hatte Glück, als er in das Lager kam und zunächst Vorarbeiter des Steh­kommandos wurde, ehe seine ehrenvolle Berufung an den Ver­brennungsofen des Krematoriums erfolgte. Dieses Stehkom­mando wurde gegründet, als die sogenannte Juni- Aktion im Jahre 1938 eine Unzahl arbeitsunfähiger Menschen in das Lager schwemmte. Eine im ganzen Reich durchgeführte Razzia, die einem jeden Gemeindevorsteher oder Ortsbürgermeister Gelegenheit bot, sich mit einem Schlag aller ihm unsympathi­scher Gemeindemitglieder zu entledigen, brachte viele Tau­sende von ,, asozialen Elementen" in die damals im Aufblühen begriffenen Konzentrationslager; Arbeitsunwillige, Landstrei­cher, Zigeuner , wilde Buchmacher von den Rennplätzen, Trun­kenbolde, viele Künstler, darunter sehr viele Musiker, Menschen mit und ohne Vorstrafen, Zuhälter und andere Ver­treter unkontrollierbarer Gewerbe, kurz alles, was nicht ge­

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