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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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XIII RAPPORTFÜHRER SORGE UND SEINE HELFER

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Gustav Sorge , genannt der eiserne Gustav, eine Bestie, die zu erfinden keiner noch so üppigen Phantasie gelänge, und zu jener Zeit Arbeitsdienst- und Rapportführer, machte sich einen Spaß daraus, uns jeden Sonntag nach dem Abendappell singen zu lassen. Nicht um uns damit eine Freude zu machen, denn wir hatten Hunger und wollten möglichst schnell den Appell- plag verlassen. SS-Unterscharführer Sorge kannte unser Inte- resse, und weil er es kannte, kommandierte er nach beendig- tem Appell ein Lied, und zwölftausend Häftlinge, darunter sehr viele Ausländer, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig waren, mußten nun der Reihe nach sämtliche Lager- lieder absingen, die gestattet und das Dümmste waren, was ein Mensch sich nur immer ausdenken konnte, sinnlose, spott- blöde Texte, deren dürftiger-Inhalt meist in einem schreien- den Gegensatz zu unserer Lage stand. Unter der Leitung des Häftlings Haller mußten die Lieder so lange heruntergebrüllt werden, bis es klappte. Es klappte fast nie, denn was schon einem geübten Chor dieses Ausmaßes und einem geübten Dirigenten bei zwölftausend auf einem riesigen Platz verteil- ten Menschen nicht leicht gefallen wäre, war hier schon im vorhinein zum Scheitern verdammt. Klappte es doch einmal, so hatte die Verzweiflung uns geholfen und weil eine große Anzahl des Singens unkundiger Häftlinge einfach nicht mit- sang, sondern nur den Mund auf- und zumachte. Das mußten sie allerdings, denn der eiserne Gustav ging während dieses Massengesanges zwischen den einzelnen Blocks herum und schlug jedem ins Gesicht, der mit geschlossenem Munde dazu- stehen wagte.

Gustav Sorge ! Ich gerate in tiefe Verlegenheit der gepriesenen Güte Gottes gegenüber, wenn ich an dieses Paradestück der

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