Kinder, und wenn ich auch nicht teilhaben konnte an den großen und kleinen Wundern dieser Welt, so gaben mir diese entzückenden Bilderbriefe doch etwas vom hellen Schimmer eines Glücks, das der Mensch traumhaft genießt, um es erst in dem Augenblick ganz zu begreifen, da er es verloren hat. Für den Häftling, der jahrelang keine Möglichkeiten hatte, seine Angehörigen wiederzusehen und auch niemals wußte, ob er sie überhaupt jemals wiedersehen würde, bedeutete ein Brief unendlich viel. Das Warten auf Post war eine erregende Vorfreude, der Brief selbst ein hohes und tröstliches Glück. Man wurde nervös, wenn der erwartete Brief nicht kam, eine ganze Woche konnte einem dadurch zur Qual werden. Denn wir hatten nicht viel, woran wir uns freuen konnten, erst später, als durch die notwendig gewordene Schonung der Arbeitskräfte die Zügel im Lager etwas lockerer wurden, sorgten gelegentlich stattfindende Theateraufführungen, Konzerte oder Vorträge für unsere Ablenkung. In den Jahren 40, 41 und 42 wußten wir von diesen Dingen noch nichts; wir hörten bisweilen den Tschechenchor oder veranstalteten selbst Gesangsabende in den Baracken. Für die Allgemeinheit aber hatte der Gesang wenig Reiz, denn auch diese an sich so schöne und reine Gefühlsäußerung wurde hier zur Schikane.
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