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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Menschen darauf gerichtet ist, die atavistischen Triebe zu be­siegen, und die zerstörenden Neigungen in positive Kräfte zu verwandeln, so hatte hier das von Haß, Überheblichkeit, Ar­roganz und Machtmißbrauch gezeichnete Herrschaftsprinzip der Partei eine Rechtslage geschaffen, die zwar nach außen hin den Anschein milder Sitten zu erwecken versuchte, nach innen aber den Mord und das Verbrechen in jeder nur er­denklichen Form protegierte. Wen das Schicksal in diese Rechts­lage versetzt hatte, konnte auf eine normale Befreiung nicht mehr rechnen. Für ihn war das Leben zu einer Gefahr ge­worden, die nicht die Furcht oder die Gleichgültigkeit über­wand, sondern die klare Erkenntnis, daß hier Feind gegen Feind stand, und daß jedes Mittel, das der eine zur Anwen­dung brachte, den anderen zur Anwendung eines Gegenmittels berechtigte. Wir hatten dabei den Vorteil, daß die Kunst der Überlistung auf unserer Seite sich höher entwickeln konnte, als auf der Gegenseite, denn diese hatte derartiges nicht nötig und blieb deshalb im Mechanismus ihrer Methoden stecken. Es gelang uns immer wieder, Anordnungen zu sabotieren und geheimen Widerstand zu leisten. Wir sangen, wenn die Lager­führer glaubten, wir hätten längst nicht mehr die Kraft dazu und errangen uns auf diese Weise eine Art Respekt, der uns manchmal schützte.

So kam es im Lager mehr auf die Haltung, als auf die Füh­rung des Einzelnen an. Eine noch so gute Führung nützte ihm gar nichts. Sie schützte ihn nicht einmal vor Strafe, denn sie wurde ihm bei der Zumessung nicht angerechnet. Die Haltung aber, die einer zu wahren wußte, verlieh ihm Sicherheit und wurde auch auf Seiten seiner Gegner gewürdigt. Alle Vorteile, die die Gesamtheit der Häftlinge im Lauf der Jahre errang, waren das Ergebnis dieser Haltung Einzelner. Wir hatten diese Vorteile nicht als Geschenk der SS erhalten, sondern wir hatten sie unseren rücksichtslosen Vorgesetzten unter einem sehr hohen Einsatz abgelistet und erzwungen. Jeder Häftling mit Ausnahme einiger besonders belasteter durfte zweimal im Monat einen Brief an seine nächsten An­

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