Druckschrift 
Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Lewis und Upton Sinclair , ferner wissenschaftliche Bücher aller Art und eine reichhaltige Sammlung von Reisebeschreibungen vorhanden. Das waren Schätze, zu deren Nutzung die kargen Stunden meiner Freizeit kaum ausreichten.

Später ermöglichte mir Edgar Bennert , die Bücherei auch abends oft bis in die tiefe Nacht hinein zu benützen. Hier bildete sich ein Kreis von Gleichgesinnten, die vom Zauber des Buches gelockt einige Stunden ihres Schlafes opferten, um zu lesen und ihre Gedanken auszutauschen. Ich vergesse die anregenden und fördernden Gespräche nicht, die wir mit dem Bonner Philosophieprofessor Johannes Verweyen führten. Ich habe die innere Haltung und unbeirrbare Geisteskraft dieses Mannes immer bewundert und erst in diesen Tagen mit tiefer Erschütterung erfahren, daß er zu den Opfern jener Bestie Kramer gehört, die im Lager Bergen- Belsen kurz vor Beendi­gung des Krieges hingeschlachtet wurden.

Ich wäre glücklich, wenn es mir gelänge, die Wirkung, die durch die Darstellung düsterer Vorfälle erzeugt wird, durch die Schilderung freundlicherer Begebenheiten etwas abzu­schwächen. Vielleicht unterscheiden sich meine Aufzeichnungen in dieser Hinsicht von anderen Darstellungen, vielleicht macht man mir diese Neigung, gelegentlich auch einen Lichtblick zu zeigen, zum Vorwurf. Es gibt Menschen, die sich durch den Umstand, daß es solche Lichtblicke überhaupt gegeben hat, zu der Annahme hinreißen lassen, es sei eben alles doch nur ,, halb so wild" gewesen. Diesen möchte ich den Preis in Er­innerung rufen, den wir Gefangenen für jeden Streifen Hellig­keit bezahlen mußten. Denn es war nicht das Verdienst der SS, daß wir nicht alle im Grauen erstickten, es war das Ver­dienst einiger Häftlinge, die, ohne auf die mindeste Unter­stützung rechnen zu können, unter ständiger Lebensgefahr und erfüllt von dem Bestreben, die allgemeine Not zu lindern, immer wieder versuchten, dem Dunkel unseres Lebens auch eine helle Stunde abzuringen. Unser Leben unterstand einem geheimnisvollen, mit den Mitteln des Verstandes kaum zu er­messenden Gesetz. Wenn sonst alles Handeln des gesitteten

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