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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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EIN FLÜCHTLING WIRD ZURÜCKGEBRACHT

Nicht immer hatten wir aber das Glück, gleich nach dem Appell zur Arbeit entlassen zu werden. Der Appell dauerte oft quälend lang, was immer ein besorgniserregendes An­zeichen dafür war, daß irgend etwas nicht stimmte. Und es stimmte sehr häufig etwas nicht. Am 21. Oktober 1940 war ein Pole ausgebrochen, und ich erlebte zum ersten Male das Stehen des gesamten Lagers bis zur Wiederergreifung des Geflüchteten.

Es war dies eine jener Kollektivstrafen, mit denen man Tan­sende für die Tat, eines einzelnen verantwortlich machte. Zwölftausend Menschen, soviel waren wir seit dem 18. April geworden, standen an jenem Tag von morgens bis nachts 11 Uhr, also insgesamt 18 Stunden, in Fünferreihen ausge­richtet, auf dem Appellplatz. Ohne die Möglichkeit auszu­treten, ohne Essen und Trinken, ohne Bewegung warteten wir Stunde um Stunde auf die Mitteilung, daß der Geflüchtete wieder ergriffen worden sei.

Das dauerte an jenem Tag achtzehn Stunden. Wir standen, sahen die Sonne heraufkommen, sahen es Mittag werden, standen im kalten Rieselregen des herbstlichen Tages bis in die Kälte der Nacht hinein und wären vermutlich bis zum nächsten Morgen stehen geblieben, wenn nicht durch einen Fliegeralarm das Signal zur Beendigung dieser Marter ge­geben worden wäre.

Man kann sich vorstellen, welche Wirkung dieses 18stündige Stehen auf uns ausübte. Hunderte fielen um und mußten in den Krankenbau geschafft werden.

Wie sich das Strafstehen erst im Winter auswirkte, zeigt die Tatsache, daß am 19. Januar 1940 bei einem zehnstündigen Stehen 430 Häftlinge erfroren sind.

Wir standen später noch öfters viele Stunden, denn Ausbrüche

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