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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
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dern konnten, sich um die Pflege seines Äußeren zu küm­mern. Ich beschloß, es ihm gleichzutun und Schritte zu meiner Rettung zu unternehmen.

Ich hörte, daß auf Block 55 ein bayerischer Vorarbeiter wohnte, der das Kayser- Kommando führte, eine Arbeiter­gruppe, die im Hüttenwerk der Firma Kayser in Oranien­burg mit dem Sortieren von Metallgegenständen beschäftigt war und sich dabei wirtschaftlicher Vorteile erfreute. Dieses Kayser- Kommando bekam seine Mittagskost von der Firma und erhielt noch die allgemeine Lagerkost, außerdem ein Stück Brot als Zulage.

Der Andrang zu diesem Kommando war groß. Noch am glei­chen Tage suchte ich meinen Landsmann auf. Er war ein derber, urwüchsiger Bayer, einer jener abgebrühten Burschen, die mit Zähigkeit jeder Anstrengung trotzen, ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu kommen. Ich gefiel ihm glücklicherweise und stieß auf keine Schwierigkeiten, als ich ihn bat, mich in sein Kommando aufzunehmen. Ich bekam meinen Zettel, eine Bescheinigung, die mein Recht auf Arbeit bei diesem Kom­mando dem Arbeitsdienst gegenüber beglaubigte und trat am folgenden Morgen bei der neuen Gruppe an. Ich stieg in den Augen meiner Blockgenossen. Wer beim Kayser- Kommando arbeitete, wurde nicht mehr als Zugang angesehen. Das war für mich von weittragender Bedeutung. Schon der erste Ar­beitstag bei der Firma bewies mir, daß ich keinen Mißgriff getan hatte. Das Mittagessen aus einer Feldküche war viel besser als im Lager, die Arbeit erschien mir im Gegensatz zu der im Ziegelwerk leicht. Als ich am Abend dieses Tages die Mittagskost des Lagers nachempfing, war ich zum ersten­mal nach langer Zeit wieder satt.

Obwohl ich gern bei diesem verhältnismäßig leichten Kom­mando geblieben wäre, hielt ich es für ratsam, mich für den Winter nach einer Arbeit in Nähe eines wärmenden Ofens umzusehen. Der Winter im Lager war eine gefährliche Sache und viele gingen daran zugrunde.

5 Weiß- Rüthel, Nacht und Nebel

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