Wahl läßt, sich zu wehren oder zu sterben, entschloß ich mich, mein Schicksal selber in die Hand zu nehmen und mich nicht willenlos treiben zu lassen. Der Anlaß war seltsam genug. An einem arbeitsfreien Sonntagvormittag erhielten ich und einige andere Zugänge den Auftrag, eine Leiche aus der Garage, wo sie aufgebahrt lag, in die Leichenkammer des Krankenhauses zu tragen. So ungern ich auch mit Leichen zu tun hatte, mußte ich dem Befehl Folge leisten. Wir gingen, vier Mann, zu der Garage, die damals als Leichenschauhaus diente, nahmen die Leiche aus dem Paradesarg, in den man sie für die Angehörigen des Toten gelegt hatte, betteten sie in die ,, schwarze Kiste" und trugen diese durch das Tor über den Appellplatz in die Leichenkammer des Reviers. Diese Leichenkammer befand sich zu jener Zeit in einer an die Tuberkulosen- Abteilung des Krankenbaues grenzende Baracke. In ihr waren Hunderte von Särgen aufgestapelt, die auf den Abtransport in das Lager- Krématorium warteten. Da es mehr Leichen gab, als das Krematorium verbrennen konnte, waren viele schon acht und zehn Tage alt. Der Geruch in diesem von Tausenden von Fliegen erfüllten Raum war unerträglich. Hinter dem Eingang dieser trostlosen Baracke befand sich ein etwa 3 qm großer freier Raum, in dem ein Tisch, zwei Stühle und ein eisernes dreibeiniges Waschbecken standen, Die Wände dieses Verschlages wurden an zwei Seiten von übereinandergestapelten Särgen gebildet und an einer dieser schauerlichen Kisten hing mit Reißzwecken befestigt, gleichsam als Wandschmuck, der Öldruck einer nackten rosigen Frau auf einem von Rosen und Lilien umwucherten Sofa.
In diesem Raume hauste der Vorarbeiter des Kommandos der Leichenträger. Hier trank er seinen Kaffee, rauchte seine Zigaretten. An jenem Sonntagmorgen rasierte er sich gerade. Er hatte seine Not mit den unzähligen Fliegen, aber er wurde schließlich doch mit dem Verschönerungswerk fertig. Diesem Manne, der aus dem Zuchthaus ins Lager gekommen war, verdankte ich viel. Er bewies mir durch sein unbekümmertes Verhalten, daß ihn weder Tod noch Teufel daran hin
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