Mich haßte er besonders und ihm gegenüber versagte mein hypnotischer Blick. Spät am Abend riß er mich aus dem ersten Schlaf, unter dem Vorwand, ich hätte mir die Füße nicht gewaschen; er stellie mich eine halbe Stunde lang unter die eiskalte Brause und schlug mich mit der Faust ins Gesicht. Er schickte mich auf das schwerste Arbeitskommando, das es damals im Lager gab, in das Klinkerwerk Oranienburg, hoffend, daß man mich von dort eines Tages als Leiche in das Lager schleppen würde, wie so viele andere, Er war eine vollkommene Bestie und zitterte nur, wenn nachts die Alarm- sirenen aufheulten und die Bomber mit donnernden Motoren
das Lager überflogen. Dann kroch er aus seinem Bett und
starrie durch das Fenster in den von hundert Lichtbündeln durchfurchten Himmel. Bei jedem Abschuß der Flak zuckte er zusammen wie unter einem Peitschenhieb, Vielleicht betete er sogar.
Zu meinem Glück entdeckte eines Tages der Blockälteste eine Reihe von Unterschleifen und Verfehlungen und enthob Musch seines Postens. Ich war gerettet, denn er hatte ge- schworen, mich zu vernichten und er hielt seine Schwüre. Arno Musch mußte den Block verlassen. Er machte sich noch eine Weile als Vorarbeiter unbeliebt, dann wurde er schließ- lich in ein anderes Lager verschickt.
Sein Nachfolger ließ mich in Ruhe. Ich konnte wenigstens unbehelligt meiner schweren Arbeit nachgehen.
Sie begann morgens um fünf Uhr mit dem Ausmarsch nach dem etwa zwei Kilometer entfernten Klinkerwerk, einer von den Sklaven der SS erbauten Großziegelei an der Lehnig- schleuse am Hohenzollernkanal. 4000 Häftlinge bewegten sich in langen Marschkolonnen Morgen für Morgen und bei jeglichem Wetter aus dem Lager zur Arbeitsstätte, einer riesi- gen Glashalle in einem weiten sandigen Gelände.
In ihr sollten die Ziegel gebrannt werden, die die SS für ihre zahlreichen Bauten benötigte. Zu meiner Zeit war das Werk jedoch nicht produktionsfähig. Es mußte erst umgebaut wer- den, da sich nach den ersten Brennversuchen herausgestellt
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