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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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,, Tun Sie bloß nicht alles, was man von Ihnen verlangt", sagte er im Tone spitzbübischer Väterlichkeit ,,, sonst sind Sie erledigt und die Polizei hat keinen Respekt vor Ihnen. Es gibt nämlich keine dümmere Behörde als die Polizei. Man wird glänzend mit ihr fertig, wenn man sie erst einmal durchschaut hat. Wenn Sie also schon Zigaretten bei sich haben, dann sehen Sie zu, daß Sie die Ware auch herausbekommen, denn die Nacht ist lang und schlafen können Sie vor lauter Wan­zen doch nicht."

Ich versprach, die erste Gelegenheit, die mich mit meinem Gepäck in Berührung bringen würde, in diesem Sinn zu be­nützen. Es ging noch am gleichen Tag. Meine geschiedene Frau, die durch die Gestapo von meiner bevorstehenden Verschickung gehört hatte, kam in die Ettstraße und brachte mir Lebensmittel und Zigaretten. Was mir vorher nicht mög­lich gewesen, gelang mir jetzt; ich steckte alles Mitgebrachte zu mir und kehrte, als die Zeit der Sprecherlaubnis ver­strichen war, in die Zelle zurück.

Unter den Insassen dieser Zelle waren zwei, die mich mehr als die anderen interessierten. Der eine, ein Unteroffizier der Luftwaffe, war wegen Verdacht der Fahnenflucht zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und befand sich auf dem Weg in das Militärstraflager Lingen im Emsland . Der andere war ein ehemaliger sozialdemokratischer Funktionär, der nach dreijähriger Haft im Konzentrationslager Dachau nach Ber­ lin überstellt werden sollte. Der Soldat war ein intelligenter junger Mann. Er erzählte mir eine Soldatentragödie, wie sie nur im Staate Adolf Hitlers möglich sein konnte. Der Sozial­demokrat aus dem Lager Dachau schreckte mich seines Aus­sehens wegen. Noch nie hatte ich einen Menschen in so er­barmungswürdiger Verfassung gesehen. Der ganze Mann, dem ein angstvoller, fast irrer Blick eigen war, bestand nur noch aus Haut und Knochen. Er hatte Arme wie ein rachi­tisches Kind und einen Brustkorb wie auf den Totentanz­bildern des Mittelalters. Dieser elende und zerfallene Leib war mit faustgroßen, brandigen Geschwüren bedeckt, Furun­

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