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Nacht und Nebel : Aufzeichnung aus fünf Jahren Schutzhaft / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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IV

DACHAU IST ÜBERFÜLLT

In den Morgenstunden des 10. April wurde ich in einer, in der Nähe des Gestapohauses gelegenen Polizeikaserne ärztlich untersucht. Gleich nach dem Mittagessen holte man mich zur Geschäftsstelle, wo ich erfuhr, daß ich noch heute in das Poli­zeigefängnis an der Ettstraße und an einem der nächsten Tage von dort mit einem Sammeltransport nach dem Konzentra­tionslager Sachsenhausen überführt werden würde. Ich hatte bis dahin von einem Ort dieses Namens nichts gewußt. Herr Grimm erklärte mir, daß es sich um ein Lager in der Nähe Berlins handle.

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, Weshalb nach Berlin ?" wollte ich wissen. ,, Kann ich nicht in Bayern bleiben?"

,, Dachau ist überfüllt!" sagte Herr Grimm ,,, sonst hätten wir Sie vielleicht dorthin geschickt. Aber trösten Sie sich, Sachsenhausen ist ein Musterlager, Sie haben es dort in jeder Hinsicht besser als hier. Bei guter Führung haben Sie Aus­sicht, in kürzester Zeit entlassen zu werden".

Ich wurde wieder in meine Zelle geführt. In größẞter Eile raffte ich meine Habseligkeiten zusammen, unten im Hof wartete bereits ein großer schwarzer Wagen. In ihm wurde ich mit einigen Gefangenen aus anderen Zellen in das Polizei­präsidium an der Ettstraße gebracht.

Das alles vollzog sich sehr rasch und ließ mir nicht viel Zeit zum Nachdenken. Irgend jemand zu benachrichtigen war mir unmöglich. Ich hätte gerne meine Kinder noch einmal gesehen, meinen Ältesten, der vor der Einberufung stand, und von dem mir ein dumpfes Gefühl sagte, daß ich ihn niemals wieder­sehen würde. Dieses Gefühl hatte mich nicht betrogen. Das Schicksal erwies mir keine Gnade, unsere Wege mußten sich für immer trennen.

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