„Sie werden einen Arbeitspartner in die Zelle bekommen und dann haben Sie täglich 2000 Stück der vorgeschriebenen Teile fertig abzuliefern!“
Berger murmelt sein„Jawohl“ und packt die bisherige Arbeit für die Ablieferung zusammen.— Inzwischen kommt der neue ‘Arbeitspartner mit Matratze, Keilkissen und zwei Decken an und richtet sich am Kopfende der kleinen 2 mal 4 Meter messenden Zelle ein.
Im Grunde genommen ist Rolf froh, daß nun die Zeit des !Alleinseins vorbei ist. Man kann doch wenigstens mit einem Men- schen sprechen.
Der Beamte erscheint mit einigen„Hauserln“ und gibt die neue Arbeit herein, und nach kurzer Frklärung fällt hinter den Beiden die Zellentür ins Schloß. Beide setzen sich an den schmalen, herunterklappbaren Arbeitstischh und nachdem sie sich ver- gewissert haben, daß kein Beobachter vor der Tür steht, stellen beide sich kurz und kameradschaftlih vor. Berger möchte auf- jubeln, denn der da drüben schafft, ist ein junger Lehrer aus einem Dörfchen an der deutsch -tschechischen Grenze.
Hans Klein ist 35 Jahre alt und erst vor einigen Wochen ver- haftet worden, weil er einige Äußerungen zum sudetendeutschen Konflikt gesagt hatte, die dem Herrn Kreisleiter der NSDAP . unerwünscht waren. Die Folge war, daß er nach Durchwanderung einer ganzen Anzahl kleinerer Anstalten, in denen er sich jeweils nur kurze Zeit aufhielt, mit einem großen Schub— einem Sonder- zug mit etwa 1500 politischen Gefangenen aus Brünn , Prag usw.— nach München gebracht wurde.
Hans Klein erzählt, daß fast aus jeder Familie jenseits der ehemals tschechisch-slowakischen Grenze ein Mann nach Deutsch - land in Sicherungshaft gebracht worden sei. Mit diesen Geiseln habe der Staat ein Mittel in der Hand, um Unruhen drüben zu ersticken, andererseits werde mit dieser Maßnahme irgendwelchen politischen Aktionen der Nazifeinde die Kraft genommen,
Rolf Berger kann seinem Gegenüber mitteilen, daß rund 600 Tschechen allein in dieser Anstalt untergebracht sind, doch die Zahl sich ständig durch Zu- und Abtransporte verändere.
- Während beide leise plaudern, vergessen sie ihre Arbeit nicht und schaffen, um das aufoktroierte Pensum zu erreichen. Während des Mittagessens— es wurde gegen 12 Uhr je ein Napf mit dünner Graupensuppe hereingereiht— mustert Hans Klein seinen Partner, Er sieht die durchgeistigten Züge des anderen. Leid und Wissen haben in dieses Gesicht ihre Runen gegraben, er sieht die
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