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EINLEITUNG
uf den hartgestampften Laufstegen des Gefängnishofes ,, Stadel heim " in München klappern die Holzpantinen der Gefangenen. In peinlich genau eingehaltenen Abständen von je drei Schritten folgt ein Häftling dem andern. Wieder ist einer der drei Wochentage, an dem die hinter Gitter verbannten Menschen für eine halbe Stunde an die frische Luft geführt werden.
Es ist ein trüber Novembertag des Jahres 1940. Ganz fein rieselt der Regen aus dem undurchdringlichen Nebelgrau und durchnäßt die leichte Kleidung der Gefangenen bis auf die Haut. Dazu ist es empfindlich kalt und die armen, ausgemergelten Gestalten stecken ihre geballten Hände in die Seitentaschen ihrer dünnen Anstaltsjoppen, um die Finger warm zu halten. An allen vier Seiten dieses, mit hohen, grauen Mauern umstandenen Hofes stehen die Wärter in ihren dicken Uniformmänteln. Sie haben ihre, in warmen Handschuhen steckenden Hände tief noch in die Manteltaschen vergraben. Einige spielen mit den Sicherungshebeln ihrer griffbereit liegenden Pistolen, andere stampfen in kurzen Abständen auf und ab, ohne jedoch die Reihen ihrer ,, Betreuten " aus den Augen zu lassen.
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Allen Häftlingen ist strengste Schweigepflicht geboten und wehe dem Neuling in dieser Unglücksgemeinschaft, der die vielen Anordnungen mißachtet, die diesen Ausgestoßenen der„, deutschen Volksgemeinschaft" auferlegt sind.. Er darf beispielsweise in Frost und Regen eine halbe Stunde Gesicht zur Wand starr und steif stehen, die unbeschützten Hände an die Hosennaht gelegt, gleichgültig, ob die Finger erfrieren, erstarren oder sich Frostbeulen an den Füßen und anderen Körperteilen bilden oder nicht. Er kann auch unsanft an die Gurgel gefaßt und mit dem Kopf gegen die Mauer gestoßen werden, daß das Blut aus den aufgestoßenen Wunden strömt oder er kommt in die Arrestkammer, einem verdunkelten Kellerraum, in dem weder Pritsche
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