Eine Schriftsprache muß immer wieder erfrischt und erneuert werden von der gesprochenen Sprache her, das heißt von großen Schriftstellern, die le­bendige Selbstgespräche[ Monologe und Dialoge] führen können, und zwar spontan, für die ein unmittelbarer Weg vom innersten Herzen des Fühlens zur Sprache führt, ohne Umwege, ohne die konventionellen, längst befahrenen, ausge­fahrenen Geleise zu benützen, ohne durch phra­senverstopfte, verkalkte Röhren hindurch zu müs­sen und dort alle Reinheit, alle Kraft, allen Elan zu verlieren.

Die Gabe der Unterscheidung der Geister in irgendeinem Bereich macht den Besitzer einsam und weltlich unglücklich. In einem höheren Sinn ist sie ein tiefes Glück. Er kann sich und sein sicheres Wissen nicht mit Erfolg mitteilen. Er weiß, daß Diskussionen unnütz sind. Es gibt aber in diesen Zeiten auch eine Gabe der Unter­scheidung der Stimmen. Wer sie hat, hat sie; er kann sie andern nicht mitteilen. Und doch wäre das heute notwendig, denn die Stimmen haben heute soziale Bedeutung.» Ansager« sind politische Offenbarer, ja religiöse, sind politische Funktionäre und Funktionen von unermeßlicher Wirkung auf die Gefühle der Menschen und Mas­sen, ganz anders entscheidend als Gedanken. Ge­danken an sich sind viel unabhängiger und ab­strakter als die Stimmen, die sie äußern und ver­künden, als Gefühle, die mit bestimmten und ge­stimmten Stimmen amalgamiert sind. Ich hörte heute Fr. Kayßler im Radio seine schöne und an sich ausdrucksvolle« Stimme der absoluten Leere

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