» Genuß« im Leib und im Geist. Noch während er leidet, genießt er schon im vorhinein den Ge­nuß, dieses Leiden einmal zu erzählen, und nun gar der Dichter, der sagen kann, was er leidet, er nimmt sich den reichsten Genuß, wenn er das Leiden meidet. Ich glaube, die Menschen würden weniger gern Krieg führen, wäre nicht diese Ge­nuẞsucht von Natur, schweres Erlittenes später zu erzählen. Oft ist der Schwermütigste der Ge­nuẞsüchtigste. Das macht ihn so schwer verständ­lich, so zweideutig, so schwer heilbar. Gehört er zu den Guten? Ist ein schwermütiger Mensch ein guter Mensch? Nein, so geht es nicht! Ist er ein schlechter Mensch? Ist er ein schuldiger Mensch? So geht es auch nicht. Eher ein sich schuldig füh­lender Mensch. Ganz sicher aber ist er ein un­glücklicher Mensch.- Ohne Zweifel. Aber er ist genuẞsüchtig, sagst du.- Ja, das glaube ich. Er genießt sein Unglück. Er ist auch eitel. Indes, das hindert nicht, daß sein Unglück echt ist und nicht etwa selbst gemacht. Tief, abgrundtief im Menschen ist das Genießen. Es gibt aber eine Schwermut, die Gift ist.

Die Schwätzereien über Nietzsche und Kierke­ gaard sind trostlos. Die äußeren Ähnlichkeiten stellen eine oberflächliche Vergleichsebene her, die völlig sinnlos wirkt, da jene nicht lokalisiert wer­den durch die entscheidende Scheidung der Tiefen­lagen; der eine hat gebetet, der andere nicht. Man ist glücklich so weit, daß dieser radikale Unter­schied gar nicht mehr gesehen wird. Ein Kapitel jener wachsenden» Blindheit«, von der ich sprach. Wer geistig blind ist, ist nicht nur blind für den

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