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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Stoizismus, ausgedrückt im Ethos der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Es ist ein Abgrund zwi­schen diesem Spruch und dem der Benediktiner : ora et labora. Einen Augenblick, bitte: kann denn ein Mensch unter allen Umständen, immer, in jedem gegebenen Augenblick beten? Ich gebe zu, daß es immerhin leichter ist als in jedem Augenblick zu arbeiten. Das steht, wie Sie selbst es ja bereits gesagt haben, nicht in jedem Augen­blick in seiner Macht. Aber ist das Beten nun wirklich absolut in jedem Augenblick dem Men­schen möglich?- Im Augenblick, da Sie mich fragt haben, habe ich mir selber die Frage ge­stellt. Sehen wir zu! Was kann im äußersten Falle einen Menschen noch hindern, zu beten? Eigentlich nur zwei Dinge: sein freier Wille oder der Tod. Im ersten Falle ist sozusagen der Mensch allein schuld, im zweiten Falle, wenn der Mensch sich nicht selber getötet hat, Gott allein.- Das ist wieder etwas zu pointiert gesagt. Sie sind ein unverbesserlicher Schriftsteller, der immer so etwas wie eine Pointe braucht. Es stimmt nie ganz, was Sie sagen. Ein Mensch braucht nicht tot zu sein, um das Bewußtsein zu verlieren. Und ein bewußtloser Mensch kann doch wohl nicht beten. Einer, der noch nie gebetet hat, wohl schwerlich. Was soll nun das wieder heißen? Soll es Menschen geben, die unbewußt beten?

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12 Uhr: Unterbrechung. Der Bericht und die Stimmen! O Herr und Gott, höre zu! Die Stim­men und der Bericht! Höre zu und räche die Menschheit und die Deutschen, die Dich noch an­beten!

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