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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
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dividuelle, scheinbar lächerliche Dinge sich küm- mert, etwa daß das Olkrüglein einer alten Frau nicht leer wird, während ihn das Schicksal der in den Augen der Menschen allergrößten Dinge- das Schicksal eines Reiches, gar nicht zu berühren scheint. Hier ist er in entsetzlicher Ferne, dort in seliger Nähe. Gott ist unbegreiflich.

Zur rechten Zeit wahrlich habe ich Johannes vom Kreuz gelesen. Er hat mich vieles sehen und er- kennen lassen, vor allem eben die Nacht des Glau- bens. Ich habe ja schon einmal gesagt in diesem Tagebuch: in solchen Zeiten wie heute kann ich nur leben in der Nacht des Glaubens, keine welt- liche Wahrscheinlichkeit, geschweige denn Gewiß- heit leuchtet mehr, daß der Gott wirkt, von dem die Schrift und die Kirche spricht. Vieles andere wurde mir klar. In der Theologie hängt so viel an haarscharfen Unterscheidungen in der Ter- minologie. Für Kierkegaard war doch der Glaube im Leben ungefähr dasselbe wie für Johannes vom Kreuz : Nacht, vollkommene Nacht im Ver-' gleich zu allem menschlichen Verstand.

Der große und gefährliche Verführer, der ein Weib oder ein Volk nicht bloß zu einem momen- tanen Fehltritt mit bestimmten äußeren Folgen verführt, sondern ihre Seelen verwüstet und von Gott abbringt, ist, in der Terminologie Kierke- gaards, eine»ausgestorbene« Individualität. Die Ereignisse und Erfahrungen dieser Tage bestä- ügen diese außerordentliche Feststellung im Über- maß. Eigentlich»verführt« wird ja immer das »Weibliche« im Menschen. Darum wendete sich der Teufel zuerst an das Weib, an Eva. Das

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