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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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28. September

Vielleicht soll das nicht mehr sein: die Verbin­dung unreiner Leidenschaften mit der Wahrheit, welche das Christentum ist. Diese unreine Lei­denschaft, die uns heute im politischen Leben auf der Haut brennt, uns den Magen umdreht, uns das Herz leer macht, hat leider in der Geschichte des Christentums auch zuweilen eine Rolle ge­spielt. Das Christentum will eine Gemeinschaft im Geist von» Einzelnen«, welche alle, jeder ein­zeln, und im Einzelnen in der Wahrheit durch­gebildet sind. Die Kategorie» des Einzelnen<<, von Kierkegaard herausgestellt, ist eben doch die christliche Forderung des Tages gegen den Unter­gang des Menschen in der Masse, gegen die Ver­gottung entleerter Menschen ohne Gewissen.

Ich glaube nicht, daß die recht haben, die sagen, so etwas wie heute sei noch nie geschehen. Qua­litativ haben sie unrecht, denn das alles[ Verrat, Tücke, Lüge, Grausamkeit] ist schon geschehen. Quantitativ haben sie wohl recht: in solcher Masse und auch durchdachter Organisation ist es noch nie geschehen. Und noch etwas: es war noch nie, glaube ich, da, daß es den Menschen ausdrücklich verboten ist, diese Zeit und was in ihr geschieht, für abscheulich, widerlich, häßlich, falsch und schlecht zu halten und Sehnsucht nach einer bes­seren Welt zu haben. Das ist heute in Deutsch­land ein strafwürdiges Verbrechen, und das ist doch wohl viel mehr, als selbst die Hölle zu for­dern das Recht hat.

Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, daß die aus dem deutschen Idealismus kommende

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