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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
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Geschichtsschreibung- eine Professorengeschichts­schreibung- eben doch Humbug ist. In dieser blassen, dünnen Luft verflüchtigen sich die Per­sonen und Leidenschaften. Und daß Satan der Fürst der Welt ist, davon merkt man nichts mehr. Die idealistische Geschichtsschreibung endet eben­so in einem Als- Ob wie die idealistische Philo­sophie.

Der Geschichtsschreiber kann sich die Schurken nicht auswählen wie der Dichter, noch auch er­finden. Zu einer gegebenen Zeit sind sie gegeben. Ganz bestimmte, sozusagen von einer höheren Macht auserwählt.

Für den Geschichtsschreiber dieser Tage ist neben seinem Fachwissen am nötigsten die Kenntnis des Katechismus und vielleicht noch etwas Kriminal­psychologie. Das ist viel wichtiger als die deutsche idealistische Philosophie.

30. September

Die stille Verzweiflung Kierkegaards . In ihr le­ben viele Menschen, mehr als man glaubt, freilich nicht mit dieser Kraft und Allgegenwart der Re­flexion. Es gibt, als Gegenstück, auch die» stille Seligkeit. Und oft wechseln die beiden im selben Menschen einander ab. Zum Glück ist deshalb auch etwas Übertreibung in Kierkegaards Dar­stellung dieser stillen Verzweiflung.[ Die Erde ist nicht die Hölle, ist ja auch nicht der Himmel.] Wohl ist sie fast ein Dauerzustand und ein>> ha­bitus; sie ist nicht dauernd wirklich aktuell, es wird oft nur die vergangene lebendig und tief >> erinnert«<, weil sie eben in grundlose Tiefen des

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