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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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stentums zu deduzieren, wie ein Christ im kon­kreten Fall sich benehmen muß, um zweifelsohne ein Christ zu sein. Denn das Christentum ist kein philosophisches Problem mit toten abstrakten Prinzipien. Zu seinen Prinzipien gehört vielmehr, daß jeder einzelne unter der lebendigen Führung des lebendigen Gottes in jedem einzelnen Falle stehen kann und da gibt es nichts zu dedu­zieren, denn Gott ist die Freiheit. Immerhin ist es noch leichter[ da das Deduzieren über­haupt leichter ist als das Induzieren], als aus dem Leben und Tun etwa unserer heutigen Macht­haber auf ihren Glauben zu schließen. Welchen Glauben müssen diese Menschen haben? Vielleicht kommt man via negationis am besten dahinter. Sie können nicht den Glauben an ein ewiges Le­ben haben, denn dann müßten sie auch an ein ewiges Gericht glauben. Ihr Leben und ihr Tun zeigt aber deutlich, daß sie das nicht tun. Oder sie tun so und vergewaltigen ihr eigenes tieferes Innere, das kann natürlich auch sein. Was ich allein sagen kann und will, ist, daß ihr offen­bares Leben und Tun einen Glauben voraussetzen würde, welcher einen Menschen, der noch denkt, denken kann und die Logik am rechten Platz für verpflichtend hält, in ein Narrenhaus oder ein qual volles intellektuelles Inferno versetzt. Sie ha­ben also einen Glauben, der allein auf die dies­seitige Welt geht, daß es einem auf ihr gut gehe, daß man auf ihr der Stärkste sei und allen an­deren kommandiere, daß zu diesem Zwecke alles erlaubt sei außer der Verletzung eines» artbeding­ten«, zufällig- willkürlichen Ehrenkodex, der außer einigen Allgemeinheiten, die für jedes kriegerische Volk gelten, ein romantisch- barbarischer Infan­

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