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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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dienen oder um einer Strafe zu entgehen. Er hat also verschiedene Willen.

Sterne, die sowieso schon unendlich weit weg von uns sind, fliehen vor uns, wie die Astronomen sagen, mit einer Geschwindigkeit von 20 000 Kilo­metern in der Sekunde. Warum? Das wissen sie nicht. Einige sagen, sie hätten nur die Alternative, uns näher zu rücken, denn ruhig bleiben könnten sie nicht. Aber warum nicht näher rücken? Fürch­ten sie, mit uns nicht fertig zu werden, solange die stärkste Militärmacht der Welt sie unsicher macht? Oder ist es einfach eine Geschmackssache, vor die­sem Planeten zu fliehen!

Gibt es ein vollkommeneres Bild des Neudeutschen als die moderne Zapfenstreichmusik? Ehrwürdige kriegerische Klänge, gemischt mit platter Brutali­tät und schmierigster Sentimentalität?

20. April

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Wie wenig Wahrheit braucht der Mensch zum Leben und wieviel Lüge! Nescio, mi fili, quam multis mendaciis regitur mundus.[ Ich weiß nicht, mein Sohn, mit wieviel Lügen die Welt regiert wird.]

Ihre Stimmen, mein Gott, ihre Stimmen! Immer neu überwältigt mich ihr Verrat. Am furchtbar­sten ist ihre Ausgestorbenheit. Tönende Masken menschlicher Stimmen. Stinkender Leichnam einer vox humana! Tod, Pest, Lüge in der Wüste einer stolzen Gottverlassenheit!

Seit der preußischen Hegemonie, die heute auf ihrem Gipfel ist, wurden die Deutschen immer

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